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Piet Mondrian, Composition No. XVI

Bäumen kommt in Mondrians kubistischer Schaffensphase ab 1911 als Motiv eine grosse Bedeutung zu.

Auch das Gemälde Composition No. XVI ist diesem Themenkreis zuzuordnen und entstand wahrscheinlich auf der Grundlage von Baumzeichnungen, die der Künstler in den letzten Tagen des Dezembers 1911 bei seinem Umzug nach Paris aus den Niederlanden mitbrachte. Die Komposition weist mit der Zersplitterung der Konturen und der Auflösung der herkömmlichen Perspektive typische Merkmale des Kubismus auf. Die ovale Form des Motivs verleiht dem Gemälde jedoch eine besondere Geschlossenheit. Mit der Betonung der Horizontalen im Bereich der Äste durch dickere schwarze Linien setzte Mondrian einen Schwerpunkt knapp unterhalb der Bildmitte. Von dort geht die starke Präsenz und Strahlkraft dieses Bildes aus.

Dem geometrischen Bildaufbau zum Trotz erscheint Composition No. XVI mit den überwiegend feinen Linien, aber auch dem skizzenhaften Farbauftrag leicht und durchlässig. Zur transparenten Wirkung trägt bei, dass große Teile der grundierten Leinwand sichtbar bleiben. Zudem wählte Mondrian für dieses Gemälde helle Pastelltöne die für seine kubistischen Bilder eher ungewöhnlich sind. Die Farbwahl und auch der skizzenhafte Farbauftrag deuten möglicherweise darauf hin, dass er sich in diesem Bild mit der Malerei Cézannes auseinandersetzte, dessen Gemälde er 1911 bei verschiedenen Gelegenheiten gesehen hatte.

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Aufnahmen des Werkes in verschiedenen bildgebenden Verfahren geben unterschiedliche Informationen: sichtbares Licht, Streiflicht, Durchlicht, UV-Fluoreszence, IR-Auflicht, IR-Durchlicht, Röntgen

Originale Spuren der künstlerischen Handschrift

Spricht man in der Konservierungsterminologie von Authentizität, versteht man darunter natürlich gealterte, aber auch restauratorisch unbehandelte Werke. Der Erhaltungszustand von Composition No. XVI ist ein Glücksfall. Das über hundertjährige Gemälde verblüfft durch seine Unberührtheit. Dies zeigt sich vor allem bei den erhaltenen künstlerischen Werkspuren, aber auch die Malerei wurde nie durch Eingriffe verändert.

Die Entstehung der Composition No. XVI wird auf Sommer 1912 datiert. Die wichtigsten Stationen, die das Bild durchlaufen hat wie die Ausstellungsgeschichte und auch mehrere Besitzerwechsel, sind im Museumsarchiv dokumentiert. Doch decken Archive in der Regel nicht die ganze Geschichte ab. Meist fehlen Informationen zu Umständen, die Zustandsveränderungen auslösen können, etwa ob das Gemälde sorgfältig gepflegt, ob es vor schädigendem Sonnenlicht geschützt oder während Transporten sachgemäss bewegt und verpackt wurde. Da die Materialien eines Gemäldes, grob umschrieben: Spannrahmen, Malgrund und Farben, oft empfindlich und zeitbedingten Veränderungen unterworfen sind, sind für die Erhaltungsbeurteilung aber gerade diese Informationen von Relevanz.

Hier setzt unsere Forschung ein. Durch intensive Recherchen und wissenschaftliche technologische Untersuchungen am Gemälde fügt man, ähnlich einem Puzzle, Beobachtungen und Ergebnisse zusammen, um Rückschlüsse zur Authentizität zu gewinnen.

Äusserst hilfreich für die Untersuchungen waren neueste Erkenntnisse zu Composition No. XVI im Rahmen einer Ausstellung, Mondrian and Cubism, Paris 1912–1914, die 2014 am Gemeentemuseum Den Haag (25. Februar – 11. Mai 2014) stattfand. In diesem Projekt wurde eine historische Ausstellung, die 1914 in der Galerie Kunsthandel W. Walrecht Den Haag mit 16 Gemälden gezeigt worden war, darunter auch Composition No.XVI, nachgestellt und wissenschaftlich aufbereitet.
 

Beispiele wichtiger Indikatoren

Originaler Spannrahmen

Piet Mondrian wählte einen von ihm sehr häufig verwendeten Spannrahmen, bei dem alle Schenkelkanten an der Rückseite zum Bildrand hin und ebenfalls an der Leinwandseite innen leicht abgeschrägt sind. Dieser Spannrahmenleistentyp dient dem Schutz der Leinwand, denn so kann der Rahmen sich nicht am Gewebe abzeichnen.
 

Authentische Handschriften des Künstlers

Historische Restaurierungsmethoden veränderten oftmals die originale Materialität So ersetzte man etwa ganze Spannrahmen und restaurierte grossflächig Leinwand und Malschicht. Bei Composition No. XVI ist die Malerei völlig unberührt, gut zu sehen in einer Reflexaufnahme, in der die originalen Matt-Glanzwerte der aufgetragenen Farben deutlich sichtbar werden. Auch die Spannrahmenmontage und Bespannung der Leinwand sind original erhalten, da sich keine neuen Löcher in der Leinwand befinden. Ausserdem findet man den typischen speziellen Gewebeumschlag an den Spannrahmenecken und die präzise parallel zum Spannrahmen abgeschnittene Leinwand an der Bildrückseite.
 

Werkspuren aus dem Atelier

Die gesamte Bildrückseite liest sich wie ein offenes Buch. Auf Leinwand und Spannrahmenleisten hat Piet Mondrian verschiedene Werktitel mit Nummerierung notiert. Mondrian selbst hat diese nicht als definitive Titel verstanden, sondern hat seine Bilder für eingereichte Ausstellung chronologisch mit diesem System bezeichnet:

  • Die Namen beziehen sich dabei auf die Art des Werkes, zum Beispiel «Tableau» oder «Composition»
  • Bei den Zahlen handelt es sich entweder um arabische oder römische Zahlen und um Groß- oder Kleinbuchstaben

Weitere Entdeckungen birgt die Rückseite der Spannrahmenleisten. Reste von abgerissenem und aufgeklebtem Papier lassen vermuten, dass Piet Mondrian den Holzrahmen auf dieser Seite in einem früheren Stadium zum Ausspannen von Malpapieren für das Arbeiten an grafischen Werken verwendet hat. Reissnagellöcher in den Ecken der Spannrahmenschenkel weisen ebenfalls darauf hin.
 

 

 

 Rückseite

 

 

a. Rückseite
b. Spannrahmenleiste
c. Rückeite Leinwand
d. Spannrand

Analytik, ein wichtiger Bereich in der Konservierungsforschung

Die Analytik dient der genauen Bestimmung von Komponenten, die für das Verständnis der Materialien der Kunstwerke wichtig sind und auch Vergleiche im Œuvre der Künstler ermöglichen. Mithilfe der Analysen kann man auch alterungsbedingte Veränderungen diagnostizieren, um möglichst exakte Prognosen zur langfristigen Erhaltung des Kunstwerkes vorzunehmen.

Die analytischen Auswertungen zu Material und Technik werden im Rahmen des Piet Mondrian Conservation Projects durch ein ausgewiesenes Expertenteam vom Cultural Heritage Laboratory in Amsterdam begleitet. An allen sieben Gemälden werden die wichtigsten Materialien, wie Leinwand, Bindemittel, Farbmittel analysiert. Dies erfolgt weitgehend, ohne Einfluss am Original zu nehmen. Nur in wenigen ausgewählten Fällen werden Mikroproben (weniger als 0,5 mm) vom Original untersucht.

Die Analysen sollen auch helfen, spezifische Fragestellungen, die sich aus der allgemeinen Untersuchung ergeben, zu interpretieren.
 

Analyse des Gewebes:

Bei der Recherche des Gemäldes Composition No. XVI ist im Vergleich zu anderen Werken aufgefallen, dass die vertikalen Fäden (Kettfäden) der Leinwand teilweise stärker verbräunt sind, was ein Mischgewebe von minderer Qualität vermuten lässt. Faseranalysen bestätigen allerdings für beide Gewebefäden Leinen als Werkstoff, ein klassisches Künstlermaterial mit guter Stabilität und Haltbarkeit.
 

Analyse der Grundierung

Piet Mondrian verwendete für das Gemälde Composition No. XVI, wie in dieser Zeit üblich, industriell grundierte Malleinen. Die gut sichtbare Grundierung ist cremefarben. Bei weiteren Gemälden aus dieser Werkphase wurde eine ähnliche Farbigkeit der Grundierungen festgestellt, allerdings ging man oft davon aus, dass der Creme-Farbton eine altersbedingte Verfärbung ist. Querschliffaufnahmen (siehe Beschreibung) zeigen eine zweischichtige Grundierung mit Anteil an dunklen, gelben Farbpigmenten, die den Farbton erzeugen, der also eine gewollte Farbnuance des Leinwandherstellers und eine bewusste Wahl Piet Mondrians ist.
 

Detail Leinwand: stark verbräunte Kettfäden
Bezeichnung für eine mikroskopisch kleine Werkstoffprobe, die für eine Gefügeuntersuchung an einer Fläche geschliffen und poliert wird. Dadurch können die einzelnen Farbschichten, ähnlich einer aufgeschnittenen Torte, nachgewiesen werden.

Analyse der Pigmente:

Piet Mondrian strukturierte die Komposition seines Gemäldes wie ein Gerüst, ausgeführt in Pinsel mit verdünnter schwarzer Ölfarbe. Anschliessend wurden die verbliebenen Bereiche innerhalb der Linien in einer für Piet Mondrian eher ungewöhnlichen Farbpalette von Weiss, Grau, Ocker, Grün und Rosaviolett spontan skizzenhaft ausgeführt. Der Farbauftrag ist nass in nass und zum Teil pastos. Der Pinselduktus ist dadurch gut sichtbar. Ziel der Analyse dieses Gemäldes war, welche Farben Piet Mondrian verwendet hat und wie diese im Kontext zu anderen Gemälden zu interpretieren sind.

Ungewöhnlich in dieser Werkphase ist die violette Farbe. Das Ergebnis ihrer Analyse ist überraschend. Der rote Farbanteil besitzt eine geringe Konzentration an Haematit, ein traditionelles historisches Pigment. Der violette oder rosafarbene Ton wird durch eine Beimischung eines Bleiweisspigments erzeugt. Die anderen Farbmittel sind ebenfalls klassische Künstlerfarben:

Bei der grünen Farbe handelt es sich um Chromgrün. Die gelblichen Farben bestehen aus Ockerpigmenten. Die scheinbar hellblaue Farbe ist eine Ausmischung von Bleiweiss und Russschwarz. Schwarze Farben bestehen aus Russschwarz. Alle Farben sind klassische Ölfarben und bei Composition No. XVI meist mit Bleiweiss gemischt.
 

Hämatit: Das natürliche Eisenoxidpigment hat ein hervorragendes Färbevermögen

 

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Zur Übersicht

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