7. September 2014 – 18. Januar 2015

Gustave Courbet, am 10. Juni 1819 in Ornans im französischen Jura geboren und am 31. Dezember 1877 in La Tour-de-Peilz am Genfer See gestorben, zählt zu den wichtigsten Wegbereitern der klassischen Moderne. Sein selbstbewusstes Auftreten, die Betonung seiner Individualität als Künstler, sein Hang zur Provokation und zum Tabubruch wie auch seine revolutionäre Maltechnik setzten Massstäbe, die Generationen von Künstlern geprägt haben. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler ist die erste Courbet gewidmete in der Schweiz seit über fünfzehn Jahren.

Gezeigt werden wegweisende Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers, darunter viele Gemälde, die nur selten oder viele Jahrzehnte gar nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Am Beginn stehen die frühen, komplexen Selbstporträts, mit denen Courbet sich im Pariser Kunstzirkus wirksam in Szene setzte und die zu Ikonen des 19. Jahrhunderts geworden sind. Darauf folgen die Bilder seiner Heimat, Gemälde von verschwiegenen Bachläufen und Quellen, von Felsformationen und Grotten, die die Landschaftsmalerei revolutionierten. Courbets Darstellungen von Wellen und seine Ansichten des Meeres machen die Schönheit und Dynamik der Natur immer wieder von Neuem erfahrbar. Seine Winterbilder weisen ihn als einen virtuosen Maler der Farbe Weiss aus. Das Material des Künstlers, die Farbe, wird zum Gegenstand der Kunst; das Sujet verliert an Bedeutung, das Wie wird so wichtig wie das Was – eine der Grundvoraussetzungen für die Entwicklung der Abstraktion. Im Zentrum der Ausstellung stehen Courbets geheimnisvolle Frauenakte am Wasser sowie das berühmte Bild L’Origine du monde: Dieser gemalte Tabubruch hat bis in die Kunst der Gegenwart tiefe Spuren hinterlassen.

Die Ausstellung wurde von Ulf Küster, Kurator der Fondation Beyeler, realisiert und ist Teil der Saison Courbet, einer Kooperation mit den Musées d’art et d’histoire in Genf, die im Musée Rath gleichzeitig eine Schau mit dem Fokus auf Courbets Schweizer Jahren zeigen.

Biographie

GUSTAVE COURBET 1819 - 1877

1819  Jean Désiré Gustave Courbet wird am 10. Juni in Ornans bei Besançon in der Franche-Comté geboren. Sein Vater Régis Courbet (1798–1882) ist ein wohlhabender Grundbesitzer und seine Mutter Sylvie (1794–1871), geb. Oudot, stammt aus einer alteingesessenen Familie. Er hat vier jüngere Schwestern: Clarisse (1821–1834), Zoé (1824–1905), Zélie (1828–1875) und Juliette (1831–1915).

1831–1837  Courbet besucht das Seminar in Ornans. Ab 1833 erhält er Kunstunterricht bei Claude-Antoine Beau, einem Schüler von Antoine Jean Gros.

1834  entsteht das erste erhaltene Gemälde, Portrait de jeune garçon.

1837  Courbet besucht das Collège royale in Besançon. Er erhält Zeichenunterricht bei Charles Antoine Flajoulot, einem Schüler Jacques-Louis Davids und Professor an der Akademie von Besançon.

1839–1843  Im Herbst zieht Courbet nach Paris, wohl um Jura zu studieren. Doch er widmet sich dem Selbststudium im Musée du Louvre und lernt bei Carl von Steuben sowie Nicolas Auguste Hesse. Ausserdem besucht er die Privatakademien von Charles Suisse und von Père Lapin. 1841 erste Reise ans Meer nach Le Havre. Seit 1841 versucht er am Salon teilzunehmen.

1844  Nach mehreren gescheiterten Anläufen debütiert Courbet im Salon mit dem Selbstportrait Courbet au chien noir.

1847  Courbet macht Bekanntschaft mit dem Soziologen, Philosophen und Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865) sowie mit dem Schriftsteller Charles Baudelaire (1821–1867). Im September reist er nach Belgien, wahrscheinlich in Begleitung des Schriftstellers Jules Champfleury (1821–1889). Geburt des Sohnes Alfred Emile (1847–1872), den Courbet nicht anerkennt. Die Mutter Virginie Binet (1808–1865) steht Courbet regelmässig Modell.

1848  Courbet nimmt an der Februarrevolution nicht teil, entwirft aber eine Illustration für die Zeitung Le Salut public, die u.a. von Champfleury, Baudelaire und Charles Toubin (1820–1891) herausgegeben wird. Er ist regelmässiger Gast der Brasserie Andler, einem Treffpunkt von Schriftstellern und bildenden Künstlern. Der Salon findet ohne Jury statt; alle eingereichten Gemälde werden ausgestellt, darunter zehn von Courbet.

1849  Für Une après-dînée à Ornans erhält Courbet eine Goldmedaille, der Staat kauft das Werk an.

1850  Courbet reicht neun Gemälde zum Salon von 1850/51 ein, die dank der Auszeichnung im Jahr zuvor alle angenommen werden, darunter die sogenannte Trilogie des Realismus: Un enterrement à Ornans, Les Casseurs de pierre und Les Paysans de Flagey revenant de la foire.

1852  Virginie Binet verlässt Courbet und zieht mit dem gemeinsamen Sohn nach Dieppe. Innenminister Charles-Auguste duc de Morny kauft ein Werk, das anschliessend im Salon ausgestellt wird.

1853  Im Herbst reist Courbet durch die Schweiz, nach Bern und Freiburg. Der reiche Bankierssohn und fortan wichtige Gönner Alfred Bruyas (1821–1877) kauft zwei der drei von Courbet im Salon ausgestellten Werke. Ausserdem beauftragt er Courbet im Juni mit dem Porträt Tableau-solution. Zwei weitere Porträts folgen 1854.

1854  Von Mai bis September hält sich Courbet bei Bruyas in Montpellier auf. Hier entstehen La Rencontre und Le Bord de mer à Palavas.

1855  Auf der Pariser Exposition universelle werden elf der vierzehn von Courbet eingereichten Werke gezeigt. Parallel dazu veranstaltet er im sogenannten Pavillon du Réalisme eine Einzelausstellung mit vierzig Werken, darunter L’Atelier du peintre.

1857  Courbet reist nach Brüssel und anschliessend nach Frankfurt am Main. Beim Salon muss er sich wieder der Jury stellen, die die sechs von ihm eingereichten Gemälde annimmt.

1858–1859  Courbet hält sich bis zum Frühjahr 1859 in Frankfurt am Main auf; er jagt im Taunus.

1860  Von Champfleury erscheint der Beitrag »Wagner et Courbet« im Courrier de Paris.

1861  Im Salon zeigt Courbet Jagdszenen sowie Tier- und Landschaftsbilder, für die er erneut eine Auszeichnung erhält. Er sitzt im Auswahlkomitee für die französischen Beiträge der kommenden International Exhibition in London. Auf Wunsch einiger Studenten eröffnet er im Dezember ein Lehratelier, das jedoch nur bis zum April 1862 existiert.

1862  Courbet ist auf der International Exhibition in London mit zwei Gemälden vertreten. Den Sommer verbringt er in der Saintonge. Er malt vor allem Blumenstillleben und Landschaften.

1864  Courbet verbringt die meiste Zeit des Jahres in Ornans, wo er viele Landschaften malt.

1865  Courbet hält sich in Trouville auf, wo er Claude Monet (1840–1926) und James Abbott McNeill Whistler (1834–1903) trifft.

1866  Der Diplomat Khalil-Bey (1831–1879) beauftragt ihn mit dem Gemälde Le Sommeil, für ihn malt Courbet auch L’Origine du monde.

1867  Courbet organisiert erneut eine eigene Ausstellung parallel zur Exposition universelle mit über hundert Werken; an der offiziellen Ausstellung nimmt er mit vier Werken teil.

1869  Im August und September hält sich Courbet in Etretat auf. Es entstehen Meeresbilder und Küstenlandschaften. Anlässlich der Internationalen Kunstausstellung in München, auf der er einen eigenen Saal erhält, zeichnet Ludwig II. von Bayern ihn mit dem Ritterkreuz des Ordens vom Heiligen Michael aus. Ende September entstehen in München fünf Gemälde.

1870  Courbet wird für die Légion d’honneur nominiert, eine Auszeichnung, die er in einem offenen Brief zurückweist. 
19. Juli: Frankreich erklärt Preußen den Krieg. 
1. September: Napoleon III. wird nach der Niederlage von Sedan gefangen genommen. 
4. September: In Paris wird die Dritte Republik ausgerufen. 
6. September: Wahl Courbets zum Präsidenten der Commission des arts. Er soll die Pariser Kunstschätze vor den Kriegswirren in Sicherheit bringen.
14. September: Er plädiert für die Abtragung der Vendôme-Säule, die die Napoleonischen Kriege ehrt.
29. Oktober: Er verliest seine offenen Briefe À l’armée allemande, um als überzeugter Pazifist dem Krieg Einhalt zu gebieten.

1871  
18. März: Bildung der Commune.
16. April: Courbet wird in die Commune von Paris gewählt.
16. Mai: Die Vendôme-Säule wird durch die Commune gestürzt.
28. Mai: Die Commune kapituliert.
3. Juni: Courbets Mutter stirbt.
7. Juni: Courbet wird verhaftet und für die Zerstörung der Vendôme-Säule verantwortlich gemacht.
2. September: Er wird wegen Mittäterschaft am Säulensturz zu sechs Monaten Haft und einer Geldstrafe von 500 Francs verurteilt.
22. September: Er kommt ins Pariser Gefängnis Sainte-Pélagie. Wegen gesundheitlicher Probleme wird er am 30. Dezember in eine Klinik in Neuilly verlegt, wo er bis zum folgenden April bleibt.

1872  
1. Mai: Courbet findet sein Atelier geplündert vor. Von Mai bis September hält er sich in Ornans und Umgebung auf. Unterstützt von den Gehilfen Cherubino Pata und Marcel Ordinaire entstehen viele Ansichten Ornans sowie Schnee- und Meereslandschaften.

1873  Der Prozess gegen Courbet wird erneut aufgerollt.
30. Mai: Die Nationalversammlung beschliesst den Wiederaufbau der Vendôme-Säule. Die Arbeiten sollen erst beginnen, wenn die Höhe der Restitutionszahlung durch Courbet festgelegt ist. Gleichzeitig werden sämtliche Besitztümer Courbets konfisziert.
23. Juli: Courbet geht in die Schweiz ins Exil. Er lässt sich ab Oktober in La Tour-de-Peilz am Genfer See nieder. Beginn der Ansichten des Château Chillon und des Genfer Sees. Anlässlich der Weltausstellung in Wien zeigt Courbet im österreichischen Kunstverein eine Werkauswahl, darunter L’Atelier du peintre.

1874–1875
26. Juni: Courbet wird die Alleinschuld am Sturz der Vendôme-Säule angelastet. Das Urteil wird am 6. August 1875 bestätigt.

1876  Vergeblich bittet Courbet die neu gewählte republikanische Regierung um Gnade.

1877  4. Mai: Courbet wird zur Zahlung sämtlicher Kosten für die Wiedererrichtung der Vendôme-Säule in Höhe von 323‘091,68 Francs verurteilt. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich. Gustave Courbet stirbt am 31. Dezember.

SAISON COURBET

Der Herbst 2014 ist die „Saison Courbet“: Gustave Courbet, der grosse Künstler des Realismus und Revolutionär der Malerei, stammte aus dem Jura, dem Gebirge, das die Schweiz und Frankreich verbindet. Courbet blieb seiner Heimat immer verbunden. Er starb aber im Exil in der Schweiz, am Genfersee. Die Fondation Beyeler und das Musée d’Art et d’Histoire, Genf, veranstalten im Herbst 2014 zwei Ausstellungen, die dem Werk Courbets gewidmet sind. In Genf geht es um Courbets bisher wenig beachtete Jahre im Schweizer Exil. Die Fondation Beyeler zeigt Courbet als einen der ersten avantgardistischen Künstler.

«GUSTAVE COURBET. LES ANNÉES SUISSES» im MUSÉE RATH 5. September 2014 – 4. Januar 2015

Die letzten Jahre, die Gustave Courbet vom 23. Juli 1873 bis zum 31. Dezember 1877, seinem Todestag, in der Schweiz verbrachte, wurden von der Kunstgeschichtsforschung bisher vernachlässigt. Lange waren die Spezialisten der Meinung, dass der kranke, durch sein Exil schwer gezeichnete Courbet nicht mehr der grosse Maler war, der die französische und europäische Malerei der 1840er-Jahre revolutioniert hatte. Dieses seinerzeit weit verbreitete Vorurteil beherrscht auch die heutige Kunstgeschichtsschreibung. Der Blick auf Courbets Schweizer Jahre beschränkt sich in den ihm gewidmeten Ausstellungen meist auf ein paar wenige Werke, in den Monografien auf einzelne Absätze und auf die stets gleichen Kommentare über seinen Niedergang. Dennoch blieb Courbet weiterhin Courbet: ein aktiver Künstler, der malte, Werke ausstellte, ein intensives soziales Leben führte und sich für das künstlerische und politische Leben seiner Wahlheimat interessierte. Die Ausstellung im Musée Rath vereint zum ersten Mal mehr als 70 Werke, die der Künstler in der Schweiz malte oder in sein Exil mitgenommen hatte. Indem sie diesen Abschnitt seines Lebens in den Mittelpunkt rückt, ermöglicht sie es, die Stellung des Exils innerhalb der Karriere des Meisters zu überdenken und auszuloten, welche Wirkung seine Präsenz am Genfersee auf die schweizerische Kunstszene ausübte. Wie die Schau zeigt, suchte Courbet – gestützt auf seine Vergangenheit als nevolutionärer Maler und die von ihm weitergeführten Bildexperimente – trotz seiner Krankheit und der durch die endlosen Gerichtsprozesse ausgelösten Ängste eine erstaunliche Erneuerung seiner Kunst in die Wege zu leiten.

Katalog zur Ausstellung

Leben und Œuvre von Gustave Courbet (1819–1877) stehen ganz im Zeichen der Auflehnung gegen die akademische Maltradition sowie die konservative Politik in Frankreich und so am Anfang einer Entwicklung, die bis heute unser Kunstverständnis prägt. Courbets Spiel mit den Erwartungen des Betrachters, seine Akzentuierung der Farbe und die versteckten Bezüge seiner Werke zur klassischen Ikonografie der Kunstgeschichte, vor allem aber die Betonung seiner Individualität als Künstler machen ihn zu einer Schlüsselfigur im Übergang von der Tradition zur Moderne. Sein berühmtes Gemälde L’origine du monde (1866) bildet den Mittelpunkt des vorliegenden opulenten Bandes, gerahmt von nicht minder spektakulären Selbstbildnissen, Frauendarstellungen sowie Landschaften, Seestücken und späten Winterbildern. So wird Courbets Schaffen in seinem gesamten Spektrum sichtbar und vor dem Hintergrund neuester Forschungen zur Strategie der Mehrdeutigkeit und dem revolutionären Umgang mit Farbe besprochen.

Hrsg. Fondation Beyeler, Ulf Küster, Texte von Stéphane Guégan, Michel Hilaire, Ulf Küster, Laurence Madeline, Bruno Mottin, James Rubin, Gestaltung von Marie Lusa

Link zum Katalog

Die Ausstellung «XXX» wird grosszügig unterstützt durch:

 

Beyeler-Stiftung

 

XY Foundation

 

YX Foundation