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27. November 2005 – 26. Februar 2006

Die Fondation Beyeler präsentiert als erstes Museum in der Schweiz eine umfangreiche Retrospektive des 1950 geborenen deutschen Künstlers Wolfgang Laib, einer der herausragenden Persönlichkeiten der Kunst der letzten 30 Jahre. Basierend auf der Arbeit mit natürlichen Materi-alien, darunter Blütenstaub, Milch, Reis und Wachs, konzentriert Laib sich auf wenige Werk-gruppen, die er zyklisch weiterentwickelt. Sie werden in der Ausstellung vorgestellt und machen deutlich, wie der Künstler in seinen Installationen dem modernen Ausstellungsraum ungewohnte Dimensionen abringt. Diese sind nicht zu trennen von der tiefen Spiritualität des Künstlers, in der Östliches und Westliches zu einer für das Werk charakteristischen Einheit finden.

Die Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit Wolfgang Laib und ermöglicht eine intensive Begegnung mit dem Werk dieses Künstlers, der – wie Harald Szeemann sagte – »durch kleinste skulpturale Gesten unermesslich weite Räume aufzeigt«.

Katalog «Wolfgang Laib»

 Wolfgang Laibs ausserordentlich konzentrierte Installationen berühren direkt und fundamental, wohl auch indem sie frühkindliche Bewusstseinsschichten ansprechen: Bienenwachstunnel duften überwältigend nach süssem Honig und nach Pollen, und pudrige Blütenstaubberge strahlen so leuchtend gelb, dass man die Hände hineinstecken und damit spielen möchte. Solcherart "geöffnet" wird der Ausstellungsbesucher für die spirituelle Dimension und die energetische Präsenz der gezeigten Naturmaterialen sensibilisiert und auf die geistige Begegnung mit deren weit reichendem symbolischen Gehalt vorbereitet. Die Monografie mit retrospektivem Charakter zeigt alle massgeblichen Werkkategorien des Künstlers und belegt die singuläre Position und grosse Stahlkraft eines Oeuvres, das konsequent die Frage nach den letzten Dingen stellt.

Link zum Katalog

Biographie

Die Biografie basiert auf der ausführlichen Chronologie im Katalog Wolfgang Laib, Retrospektive, hrsg. von Klaus Ottmann, Ausst.-Kat. Haus der Kunst München, Ostfildern-Ruit 2002, S. 163–185.

1950 Wolfgang Laib wird am 25. März im württembergischen Metzingen geboren.

1958 Die Familie zieht nach Oberschwaben in die Nähe von Biberach. Dies sollte, abgesehen von längeren Auslandsaufenthalten in den USA und Asien (unter anderem in Indien, Japan und Tibet), Laibs Wohn- und Arbeitsort bis heute bleiben.

Ab 1962 Mit der Familie unternimmt Laib diverse Reisen durch Europa. Die Kunst des Mittelalters und die Reliquien in den katholischen Kirchen beeindrucken ihn tief.

Ab 1965 Laib reist mit seiner Familie nach Vorderasien und schliesslich nach Indien. Diese Reisen beeinflussen ihn nachhaltig. Beeindruckt von den türkischen Dörfern mit ihren einfachen und oftmals unmöblierten Wohnräumen, reduziert die Familie nach der Rückkehr ihre Einrichtung auf ein Mindestmass.Constantin Brancusis Atelier in Paris wird für die kommenden Jahre Laibs Lieblingsort in dieser Stadt sein.

1968–1974 Laib studiert Medizin an der Universität Tübingen. Seine Erwartungen an die Medizin als eine Kunst des Heilens und Helfens werden enttäuscht. Es be-geistern ihn Vorlesungen zu Fachbereichen wie Philosophie, Psychologie, Archäologie, Kunstgeschichte und orientalischer Philosophie. Ab 1971 studiert Laib zusätzlich zur Medizin Indologie, er lernt Sanskrit, Hindi und Tamil.

1972 verbringt er im Rahmen seiner Doktorarbeit zur Untersuchung der Trinkwas-serhygiene sechs Monate in Südindien. Zurück in Deutschland, beginnt er eine bildhauerische Arbeit, indem er mit Hammer und Meissel einen dunklen Findling bearbeitet und diesen Stein zum Ei, zum Brahmanda, formt. Diese Erfahrung wird wegweisend für seine Entscheidung, sich nach Beendigung des Studiums 1974 der Kunst zu widmen.

1975 Sein erster Milchstein entsteht.

1976 In seiner ersten Ausstellung in der Galerie Müller-Roth in Stuttgart werden sechs Milchsteine gezeigt.

1977 Der Künstler sammelt erstmals den Blütenstaub vom Löwenzahn auf den Wiesen um Biberach. In den darauf folgenden Jahren kommt der Blütenstaub von Haselnuss, Hahnenfuss, Kiefer, Sauerampfer, Erle und anderen Pflanzen hinzu.

1979 Laib hat seine erste Ausstellung in den USA, in der Sperone Westwater Fischer Gallery in New York. In den nächsten Jahren folgen weitere, zum Teil längere Aufenthalte in den USA. Dort lernt er Carolyn Reep, seine zukünftige Frau kennen.

1982 Laib stellt auf der »documenta 7« in Kassel aus. Er zeigt eine Blütenstaub-arbeit und Gläser mit Blütenstaub auf einem Fensterbrett. Im selben Jahr vertritt er Deutschland auf der Biennale in Venedig. Er stellt dort seinen grössten Milchstein sowie ein Werk mit Blütenstaub vom Löwenzahn und sechs Gläser mit Blütenstaub auf einem Wandbrett in einer Ecke aus.

1983 Laib baut die auf dem Grundstück der Familie gelegene Scheune zu seinem Atelier mit grossen Fensterflächen um. Er trifft einige Male den Künstler Joseph Beuys, dessen Arbeiten er sehr bewundert. Mario und Marisa Merz besuchen ihn des Öfteren. Im selben Jahr unternimmt Laib noch eine längere Indienreise. Nach seiner Rückkehr entstehen die ersten Arbeiten mit Reis, darunter Die Reismahlzeiten für die neun Planeten und Die dreiundsechzig Reismahlzeiten für einen Stein. Für die Arbeiten verwendet er Messingobjekte, Messingkegel, die er in Südindien hat anfertigen lassen, und Messingteller, die er in Gujarat gekauft hat.

1984 Laib realisiert die ersten Reishäuser. Sie sind aus Holz, mit dünnem Weiss-blech überzogen, gefüllt mit Reis und eingebettet in kleine Reisberge.

1985 Heirat mit Carolyn Reep. Während der Vorbereitungen für eine Gruppenausstellung im Kunsthaus Zürich treten Laib und der Kurator Harald Szeemann in engen Kontakt – der Beginn einer innigen, andauernden Freundschaft zwischen Künstler und Kurator. In Zürich wird das Werk Die fünf unbesteigbaren Berge gezeigt.

1986 Am 23. Januar wird die Tochter Chandra Maria Sobeide geboren. Realisierung der ersten Reishäuser aus Marmor sowie aus mit Siegellack überzogenem Holz. Grosse Einzelausstellung in Paris im Musée d’art moderne de la ville de Paris.

1987 Der Künstler stellt auf der »documenta 8« in Kassel drei Reishäuser aus. Noch im selben Jahr beginnt er mit Bienenwachs zu arbeiten. Auf dieses Material wird er immer wieder zurückgreifen.

1988 Laib verwirklicht seine ersten Bienenwachsräume.

1989/90 Aufenthalte in Tokio und Teilnahme an einer Ausstellung mit diversen Blütenstaubwerken, die das japanische Publikum begeistern.

1992 Für eine monografische Ausstellung im Kunstmuseum Bonn sowie dem Museum of Contemporary Art in Los Angeles entsteht ein Bienenwachsraum mit einer Treppe, die vom Boden bis zur Decke führt und von Wänden umschlossen ist.

1993 Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für die Installation eines Wachs-raums führt ihn der Weg in die Pyrenäen ins Gebiet rund um den Massif du Canigou, den heiligen Berg der Katalanen, mit vielen romanischen Kirchen und Einsiedeleien. Die Installation soll im Roc del Maure, einem kleinen felsigen Granithöhenzug, ihren Platz finden.

1994 Für den Henry Moore Sculpture Trust realisiert Laib einen grossen Wachs-raum. Im selben Jahr reist er mit seiner Familie nach Tibet, das ihn ausserordentlich fasziniert. Seine Eindrücke verarbeitet er in neuen Kunstwerken.

1995 Die ersten Schiffe aus Bienenwachs und treppenförmig ansteigenden Zikkurat-Türme entstehen und sind der Anlass für eine Reihe von Ausstellungen.

1997 Eine grössere Version der bereits 1995 in New York gezeigten Schiffsinstalla-tion Du wirst woanders hingehen ist auf der Biennale in Venedig zu sehen.

1998 Im Frühling zeigt Laib in der Sperone Westwater Gallery in New York zwei grosse, nebeneinander stehende Zikkurats aus Bienenwachs. Nowhere Everywhere ist die erste Bienenwachsarbeit, die einen ganzen Raum in seiner gesamten Höhe ausfüllt.

1999/2000 Für eine Ausstellung im Kunsthaus Bregenz entsteht eine zirka sechs Meter hohe Zikkurat aus Bienenwachs. Mit Unterstützung des Musée d’art contemporain de Nîmes nimmt Laib im Spätherbst 1999 die Arbeit am Roc del Maure in den Pyrenäen wieder auf. Ende Juli 2000 ist La chambre des certitudes fertig und wird eröffnet.

2000–2002 Eine grosse Retrospektive findet in mehreren Städten der USA statt, die er jeweils selbst installiert. Die Ausstellungen finden grossen Anklang beim amerikanischen Publikum. Als letzter Station ist die Retrospektive im Haus der Kunst in München zu sehen. Nach den USA-Aufenthalten reist Laib weiter nach Japan, um dort ebenfalls Ausstellungen einzurichten.

2002–2006 Es folgen weitere Ausstellungen in Europa und den USA. Inzwischen zählt Laib zu den bedeutendsten deutschen Künstlern der Gegenwart. Neben den USA und Ostasien, wo er bereits etabliert ist, breitet sich sein Bekannt-heitsgrad zunehmend in Europa aus. Nachdem bereits verschiedentlich Schweizer Galerien und Museen wie das Kunstmuseum Luzern (1990), die Galerie Caratsch de Pury & Luxembourg in Zürich (2003/04) und zuletzt die Galerie Buchmann in Köln (2004) Wolfgang Laib Ausstellungen gewidmet haben, präsentiert die Fondation Beyeler erstmals eine Retrospektive des Künstlers.