Piet Mondrian, Composition No. VI
Im Jahr 1913 begann Mondrians verstärkte Auseinandersetzung mit der Architektur von Paris. Die Strassenzüge und vor allem einzelne Bauten der französischen Metropole faszinierten ihn, er sah darin eine bereits durch den menschlichen Geist geordnete Umgebung. Es entstanden zahlreiche Zeichnungen von Fassaden und Dächern. Von besonderer Bedeutung ist eine Ansicht, die Mondrian wahrscheinlich vom Fenster seines Ateliers in der Rue du Départ aus skizzierte. Sie zeigt ein partiell abgerissenes Haus. Durch die offene Seitenmauer werden die innere Baustruktur und Etagenaufteilung, aber auch die Wandfarben und Tapeten der Innenräume sichtbar. Diese Skizze bildet die Grundlage für die Composition No. VI und andere Ölgemälde bis 1915.
Detektivarbeit – die Rückverfolgung der Restaurierungsgeschichte
Um ein Gemälde und seinen Zustand in der heutigen Zeit zu lesen und verstehen, ist es wichtig, die Restaurierungsgeschichte wie auch die Provenienz zu kennen. Ohne dieses Wissen ist es schwierig, gewisse Erscheinungsformen der Malerei zu erklären oder Entscheidungen darüber zu treffen, welche Massnahmen an einem Gemälde künftig nötig oder möglich sind. Hinweise für die Rückverfolgung geben historische Fotos, Berichte, Korrespondenzen und Spuren am Werk. Nachfolgend wird die bewegende Restaurierungsgeschichte von Composition No. VI aufgerollt.
Als Composition No. VI in den 1950er-Jahren mit seinem damaligen Besitzer in die USA gelangte, war das Gemälde vermutlich in ziemlich authentischem Zustand. Ob es beim Transport in Mittleidenschaft gezogen wurde, ist nicht bekannt. Erst in den 1970er Jahren erfolgten einschneidende restauratorische Massnahmen, die das Werk bis heute prägen.
Historische Fotos zeigen ursprünglichen Zustand
Um die Restaurierungsgeschichte des Gemäldes aufzuzeigen, sind zwei historische Schwarz-Weiss-Aufnahmen von 1971, die in der Restaurierungsabteilung des MoMAs vor dem Eingriff gemacht wurden, besonders wertvoll. Mikroskopisch betrachtet sind auf dem Foto von der Vorderseite Reissnagellöcher von temporären Aufspannungen und auslaufende Striche der Unterzeichnung zu sehen, die heute nicht mehr vorhanden sind. Zudem zeigt die Aufnahme der Rückseite noch den originalen Leinwandüberspann, der im Zuge der Restaurierung von 1972 abgeschnitten wurde. Darauf war der erste Titel Composition No. VI zu lesen und weitere Etiketten, die der Provenienzforschung dienen.
Die beiden Fotos vermitteln den Restauratoren auch, wie das Gemälde bei seiner Entstehung grundiert wurde: Die Grundierung reichte bis auf die obere an allen Seiten bis zum Rand. Bei der Aufspannung war die Leinwand also schon grundiert und wurde aus einem grösseren Textil herausgeschnitten. Die Reissnagellöcher in den Bildecken deuten darauf hin, dass die Leinwand vorübergehend aufgespannt war, bevor sie auf den Keilrahmen aufgezogen wurde. Dazu passt, was Zeitzeugen berichten. Sie sagen, dass Mondrian seine Leinwände manchmal auf dem Tisch befestigte und malte.
Irreversible Restaurierung von 1972
Den grössten Eingriff erfuhr das Gemälde 1972, wie in den Restaurierungsakten dokumentiert wird. Es wurde damals vermutlich vom originalen Keilrahmen gelöst, zur Stabilisierung mit Wachs und Wärme auf einen zweiten Träger aufgeklebt (Doublierung), die Oberfläche invasiv gereinigt und mit einem frischen Acrylharzüberzug versehen. Durch diese einschneidenden Massnahmen wurde die Pastosität (Oberflächenstruktur) der Farbe verringert, originale Striche der Unterzeichnung weggewischt und die Grundierung des weissen Hintergrunds teilweise gedünnt.
Ernst Beyelers Gespür für die künstlerische Intention
Nachdem Ernst Beyeler das Gemälde 1989 erwarb, liess er diese Maßnahmen so weit wie möglich rückgängig machen, um es etwas mehr der ursprünglichen künstlerischen Intension anzunähern. Dabei wurde unter anderem die Doublierung abgenommen, um die rückseitig von Mondrian aufgemalte Signatur wieder ersichtlich zu machen. Aus Korrespondenzen geht hervor, dass seinerzeit auch die Rekonstruktion einer originalen Rahmung besprochen und versucht wurde. Nachdem 1997 einige der Reissnagellöcher gekittet und retuschiert wurden, erfolgten nur noch präventiv erhaltende Massnahmen.
Details
1. Detail der Schwarzweissabbildung von 1971 mit dem gleichen Ausschnitt von heute, zeigt, dass die Kohlelinien damals noch fortlaufender waren
Von der Skizze zum fertigen Gemälde
Die Skizze begleitet Mondrian in seinem ganzen Œuvre
Wie wichtig die Skizze für den Arbeitsprozess Mondrians ist, beschreibt Robert Welsh 1980 in seinem Beitrag «Mondrian als Zeichner». So entstanden in den Jahren 1913 bis 1915 besonders viele Skizzen und Studien, um sich mit der kubistischen Malweise vertraut zu machen. In solchen Zeiten des Stilwandels sind auch später vermehrt Skizzen vorhanden. Dies zeigt, dass Mondrian auf die Skizze zurückgreift, wenn er Kompositionsprobleme zu lösen versucht. Auch in Mondrians Malerei lässt sich der vertraute Umgang mit den Zeichenutensilien erkennen. Flächen schraffiert er zu Beginn ähnlich wie in seinen Skizzen und nutzt Kohle und Papierstreifen um Veränderungen der Komposition auf der Leinwand auszuprobieren.
Ausgehend von der Skizze eines Pariser Gebäudes, zeichnete Mondrian bei Composition No. VI als erstes mit Kohle die abstrahierte Komposition der schwarzen Linien auf den textilen Bildträger. Diese körnigen Kohlelinien treten heute teilweise noch unter den schwarzen Linien hervor.
Anschliessend zog er die skizzierten Linien mit dünnflüssiger schwarzer Farbe und möglicherweise einem Lineal nach und begann die Flächen mit Farbe zu füllen. Das schnelle skizzenhafte Arbeiten Mondrians, zeigt sich bei diesem Werk sehr schön im Pinselduktus in der Röntgenaufnahme. Die Strichführung erinnert an Schraffuren, wie sie häufig in seinen Skizzen zu sehen sind. Die Flächen wurden sehr zügig ausgeführt, sodass die Farben sich teilweise noch auf der Leinwand nass in nass mischten. Mondrian hat in diesem Fall bereits auf der Skizze mit Anfangsbuchstaben wie «B» für Blau und «G» für Grau die Auswahl der Farben angedacht.
Der Künstler als sein ärgster Kritiker
Möglicherweise war Mondrian mit seinem Werk noch nicht zufrieden: Zumindest hat er es zwischen den Ausstellungen 1914 und 1915 oder bald danach überarbeitet. Woher weiß man das? Es zeigt sich an den kompositionellen Veränderungen der schwarzen Linien. Die Röntgenaufnahme zeigt, dass alle Bereiche, auf denen sich schwarze Linien befinden, dunkel sind, da sie mit nichtmetallischem Pigment (Beinschwarz) und wenig Bleiweiss gemalt wurden. Im Vergleich dazu ist zu sehen, dass die blauen, grauen und beigen Flächen mit einem grossen Anteil Bleiweiss ausgemischt wurden und deshalb in der Röntgenaufnahme weiss sind. Die später hinzugefügten schwarzen Linien sind in der Röntgenaufnahme kaum zu sehen, da sie über der mit Bleiweiss ausgemischten Malschicht liegen.
Die zusätzlichen schwarzen Linien wurden einerseits über getrockneter Farbe ausgeführt, sodass Linien mit klaren Konturen entstanden sind. Anderseits wurden auch die Flächen teilweise übermalt und darüber zusätzliche Linien gezogen, die sich mit der Farbe vermischten und zu fliessenden Farbübergängen führten.
Es wurden jedoch nicht nur schwarze Linien ergänzt, sondern auch übermalt. Diese Arbeitsweise zeigt, dass auch Malen eine schrittweise Annäherung ist, und führt Mondrians Findung der Komposition und die Vollendung dieses Gemäldes vor Augen. Auch bei anderen Werken dieser Zeit, unter anderem Eukalyptus von 1912, ist dies zu beobachten. Deutlich wird auch, weshalb Composition No. VI zur Ausstellung 1914 als «Entwurf» eingereicht wurde.
1. Detailaufnahmen ergänzter schwarzer Linien, links über feuchter Farbe fliessend, rechts über getrockneter Farbe mit klaren Konturen