Fernand Léger: Dezente Restaurierung

Das Werk Le passage à niveau von Fernand Léger wurde innerhalb des von der Fondation BNP Paribas Suisse unterstützten Restaurierungsprojekts umfassend wissenschaftlich untersucht und dann restauriert. Es hat sich gezeigt, dass das Gemälde erfreulicherweise nicht grundsätzlich fragil ist, sondern dass die Materialwahl des Künstlers und Einwirkungen im Laufe der Zeit zum heutigen Zustand geführt haben.

 

Kunsthistorischer Kontext

Bereits in einer kleinen Gruppe früher Landschaftsbilder, zu der Le passage à niveau gehört, begegnet uns Fernand Léger als wichtige künstlerische Position im Schaffen seiner Epoche. Mit den Impressionisten teilt er das Interesse an Natur, die nach und nach von der Zivilisation und Technik vereinnahmt wird. Aber die atmosphärische Bildsprache seiner Vorgänger hatte Léger zu diesem Zeitpunkt bereits abgelegt. Näher standen ihm die Futuristen, die den pulsierenden Rhythmus des modernen Lebens malerisch in schnelle, bewegte Stakkatos von Linien übersetzten. Unter dem Eindruck von Cézanne und der kubistischen Werke von Picasso und Braque entwickelte Léger seine abstrakte Bildsprache. Im Umfeld der Pariser Avantgarde fällt er mit einem höchst eigenständigen Bildvokabular auf, das sich auch für die Kunstgeschichte als wegweisend erweisen sollte.

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Ausgangslage

Der Zustand des vor über hundert Jahren entstandenen Gemäldes Le passage à niveau war seit Eröffnung der Fondation Beyeler 1997 wegen seiner stark krakelierten Malschicht und brüchig erscheinenden Oberfläche als fragil eingestuft. Um allfällige Schäden zu vermeiden, wurde das Gemälde daher nie ausgeliehen. Innerhalb des von der Fondation BNP Paribas Suisse unterstützten Restaurierungsprojekts wurde das Werk umfassend untersucht und restauriert. Dabei konnten wichtige Informationen zu Material, Technik und Geschichte gewonnen werden.  

Hohe Wasserempfindlichkeit

Eine erfreuliche Erkenntnis ist, dass das Gemälde nicht grundsätzlich fragil ist, sondern dass die Materialwahl des Künstlers und Einwirkungen im Laufe der Zeit zum heutigen Zustand geführt haben. Fernand Léger benutzte zum Beispiel eine ungewöhnlich wasserempfindliche Grundierung, um die Leinwand zu präparieren. Ein sehr früher Kontakt mit Nässe hat das Werk daher stark beeinträchtigt (Abbildung 1). Ebenfalls haben vergangene, eingreifende Restaurierungen das heutige Erscheinungsbild hervorgerufen. Mithilfe von recherchierten historischen Abbildungen konnten Veränderungen am Werk nachvollzogen werden, wie etwa Abriebe und nicht-originale Übermalungen. 

Historische Aufnahme 

Abbildung 1: Diese historische Aufnahme war entscheidend für das Projekt: Der an der Unterkante zu sehende Wasserschaden (Pfeile) erklärte, warum und wo eingreifende Restaurierungen in der Vergangenheit ausgeführt wurden.

Restaurierungsmassnahmen

Anhand der gesammelten Erkenntnisse wurden geeignete Restaurierungsmassnahmen konzipiert, die allesamt diskret und mehrheitlich nur in Details erkennbar sind. Primär wurden schlecht integrierte Retuschen einer vergangenen Restaurierung entfernt (Abbildung 2). Ausserdem wurden stecknadelgrosse, gesamthaft über die Oberfläche verteilte Abriebe farblich angepasst. Dazu wurden reversible Retuschen ausschliesslich auf die bereits vorhandenen Schadensstellen punktuell gesetzt. Diese Massnahmen hatten zum Ziel, die eher uneinheitliche und aufgebrochene Erscheinung der Malschicht zu schliessen (Abbildung 3) und sie wieder derjenigen des Entstehungsjahrs 1912 anzunähern – ohne dabei die Geschichte und das Alter des Werkes zu verbergen. 

Untersuchungen vergleichbarer Frühwerke von Léger waren dabei besonders hilfreich, da sie eine Annäherung an die ursprüngliche Wirkungsweise von Le passage à niveau ermöglichten. Auch wurde das Werk präventiv mit einer schützenden Neurahmung und mit einem an der Rückseite befestigten Vibrationsschutz versehen. Die ausgeführten restauratorischen Massnahmen sind alle dezent und mehrheitlich nur in Details erkennbar. Das Werk wurde durch die Restaurierung nicht nur stabilisiert, sondern die Bildkomposition ist für den Betrachter auch lesbarer und dadurch zugänglicher geworden.

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