Diamantstaub

Das Gemälde Joseph Beuys (1980) von Andy Warhol ist eines der wenigen, die der Künstler mit einer feinen Schicht aus Diamantstaub verzierte. Es befindet sich in einem stabilen und originalen Zustand, jedoch ist die gesamte schwarze Farbe im Hintergrund mit kleinsten Staubfasern übersäht, was die satt-schwarze Farbfläche optisch abschwächt und die Kontraste trübt. Da die Staubfasern zum Teil mit den Diamantstaubpartikeln verhakt sind, muss ein spezielles Verfahren zur Abtragung der störenden Schicht gefunden werden.  

Kunsthistorischer Kontext

Andy Warhol (1928–1987) ist eine zentrale Figur der amerikanischen Pop-Art und einer der prägendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine Werke dokumentieren die Kultur Amerikas, seinen Alltag, seine Konsumgesellschaft und deren Schattenseiten, seine Berühmtheiten, Schlagzeilen, Comicfiguren und Tragödien, die der Künstler zum Thema macht. Nachdem er erfolgreich als Werbedesigner tätig gewesen war, widmete sich Warhol ab Ende der Fünfzigerjahre seiner Künstlerkarriere und der Malerei. Seine frühen Werke waren noch von Künstlerhand gemalt, doch nach und nach verzichtete Warhol auf seine Autorenschaft und wandte Techniken an, die das Prinzip der repetitiven Form schneller und effektiver ermöglichten.

Abbildung 1: Andy Warhol beim Siebdruckprozess 1963

Warhol befasste sich auch mit Film, Fotografie und Musik, doch seine Malerei und insbesondere seine Porträts sind unverkennbar und scheinen tief in unser kollektives Gedächtnis verankert zu sein. Er revolutionierte die Praxis der Porträtmalerei, indem er das Abbild des Dargestellten vor einen farbigen Hintergrund setzte und die Gesichtszüge auf wenige markante Merkmale reduzierte. Als Vorlagen dienten ihm Fotografien, zumeist Polaroidaufnahmen, die mit Hilfe der Siebdrucktechnik auf Leinwand übertragen wurden. Die Porträts, die ab 1962 entstanden, gehören zu seinen berühmtesten Werken. Warhols Marilyn Monroe, Liz Taylor, Jackie Kennedy oder Elvis Presley wurden sehr bald zu Ikonen der Pop-Art. 1972, vier Jahre nach dem auf ihn verübten Attentat, kehrte Warhol mit einer Porträtserie, die den chinesischen Staatspräsidenten Mao Zedong darstellte und die Warhol endgültig zu Ruhm und Anerkennung führte, zurück. Ab diesem Zeitpunkt widmete sich Warhol rastlos dem Porträt. Rockstars, Staatsoberhäupter, Politiker, Monarchen, Geschäftsmänner, deren Gattinnen, Künstler, Profisportler, hunderte von prominenten oder wohlhabenden Zeitgenossen wurden von Warhol porträtiert. Er selber machte kein Geheimnis daraus, dass diese Auftragsarbeiten eine gute Einnahmequelle waren und ihm finanzielle Sicherheit gaben. Sie ermöglichten es ihm, ein wachsendes Team von Assistenten in seiner Factory zu beschäftigen. 1979 lernte Warhol Joseph Beuys (1921–1986), einen der wichtigsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit, kennen. Die beiden wurden häufig miteinander verglichen. Sie verfolgten zwar unterschiedliche Strategien, doch sie hatten ähnliche Vorgehensweisen, beispielsweise die permanente Selbstinszenierung oder die Fähigkeit, Alltägliches in Kunst zu verwandeln. Warhols Biograf David Bourdon beschrieb die beiden Künstler als «nicht gerade befreundet, doch sie bekundeten sich kunstvoll und hintergründig ihren Respekt». Anlässlich ihrer vermutlich ersten Begegnung, die 1979 in der Galerie Denise René Hans Mayer in Düsseldorf stattfand, fotografierte Warhol Beuys. Diese Fotografie, in der Beuys in Frontalansicht mit seinem charakteristischen Filzhut dargestellt ist, diente im folgenden Jahr als Vorlage für eine Serie von Porträts, teils farbig, teils schwarzweiss. 1979 war ebenfalls der Zeitpunkt, wo Warhol erstmals mit Diamantstaub experimentierte. Er empfand Staub aus echten Diamanten allerdings als zu pudrig und zu matt und ersetzte ihn bald durch gemahlenes Glas. Jedoch bezeichnete er dieses Pulver weiterhin als Diamantstaub. Mehrere Werke, sowohl auf Papier als auch auf Leinwand, sind damit bedeckt. Darunter befindet sich auch das Porträt von Joseph Beuys, das sich in der Sammlung der Fondation Beyeler befindet.

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Abbildung 2: Detail oben links: links normales Licht, rechts Streiflicht. Im Streiflicht ist die Staubschicht deutlich zu erkennen

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Ausgangslage

Ein Siebdruck ist ein drucktechnisches Verfahren aus dem Grafikbereich, welches Andy Warhol oft und gerne für Gemälde anwandte. Mit einem Foto als Vorlage wird die gewünschte Abbildung auf einen feinen Siebstoff transferiert, durch welchen dann das Bild beliebige Male mit Farbe auf einen Träger, in diesem Fall eine bemalte Leinwand, übertragen werden kann. Abbildung 1 zeigt Warhol im Prozess einen Siebdruck herzustellen, unkonventionell auf dem Boden. Danach wurde die bedruckte Leinwand auf einen Keilrahmen aufgespannt. Spezielle Werke verzierte der Künstler mit Diamantstaub, eigentlich „nur“ gemahlenes Glas, welchen er direkt nach dem Drucken in die nasse Siebdruckfarbe streute. Bei Joseph Beuys ist es die weisse Farbe, in der die Glaspartikel haften und somit einen schillernden Effekt erzeugen (Abb.3a).

Das Gemälde ist in einem stabilen und originalen Zustand, zeigt sich heute aber nicht so wie nach der Herstellung im Jahr 1980. Die gesamte schwarze Farbe im Hintergrund ist mit Staubfasern übersäht. Teils kleben die Fasern auf der Oberfläche, teils sind sie verhakt mit Diamantstaubpartikeln. Dies ist besonders im Streiflicht (Abb. 2) zu erkennen sowie vergrössert unter dem Mikroskop (Abb. 3b). Das Resultat ist eine optische Abschwächung der satt-schwarzen Farbfläche und eine Trübung von Kontrasten. Ausserdem scheint die synthetische schwarze Farbe (Acryl) Jahre nach der eigentlichen Trocknung noch klebrig geblieben zu sein und ist bis heute ungewöhnlich weich. Dies begünstigt eine Anziehung und Ablagerung von Staub. Vergleichswerke aus dem gleichen Jahr mit anderen Farben weisen weder weiche Farbe noch starke Staubansammlungen auf. Eventuell mischte Warhol der Farbe etwas bei, was eine Aushärtung verhinderte; oder das Werk wurde über die Jahre ungünstigen Klimaverhältnissen, wie z.B. Wärme oder hoher Feuchtigkeit, ausgesetzt.

Konventionelles Abstauben nicht möglich

Konventionelles Abstauben der Gemäldeoberfläche mit weichen Pinseln oder Druckluft ist in diesem Fall unmöglich: Viele Diamantstaubpartikel blieben beim Herstellungsprozess nämlich auch auf der schon teils trockenen schwarzen Farbe liegen und befinden sich direkt neben oder unter den zu entfernenden Staubpartikel (Abb. 3b). Im Gegensatz zu den Diamantstaubpartikeln, die in der weissen Farbe kleben, sind diese Teilchen nicht stark verhaftet mit der schwarzen Hintergrundfarbe.

Wie kann man also die unzähligen Staubfasern von der Oberfläche entfernen ohne die originalen Diamantstaubpartikel auf der Malschichtoberfläche zu verlieren? Ein Test, bei dem die Partikel mühsam mittels Pinzetten entfernt wurden, zeigte zwar gute Ergebnisse, würde aber sehr lange dauern. Neuere Verfahren wie z.B. Mikroaspiration (ein «Staubsauger» mit sehr feinen und kontrollierbaren Düsen) sollen nun für die Reinigung getestet werden, um den Staub effizient und schonend abtragen zu können (Abb. 4). 

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Abbildung 3a: Mikroskopaufnahme der Diamanstaubpartikel in der weissen Siebdruckfarbe
Abbildung 3b: Mikroskopaufnahme der staubigen Oberfläche des schwarzen Hintergrundes

Abbildung 4: Tests zur Staubabnahme dem Mikroaspirator

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Farbanalysen

Warum ist die schwarze Hintergrundfarbe in diesem Gemälde nach fast 40 Jahren noch weich? Durch chemische Analysen hoffen die Restauratoren hier Antworten zu erhalten und herauszufinden, ob auch andere Siebdruckwerke von Andy Warhol das gleiche Problem haben. Sollte sich herausstellen, dass die Farbe nie richtig durchhärtet, wird das Werk auch nach der Restaurierung vermutlich immer weiter so viel Staub anziehen. Dann musste auch ein Konzept für eine schützende Verglasung oder Haube erstellt werden. Ziel dieses Restaurierungsprojektes wird sein, nach grundlegenden Untersuchungen, Analysen und Tests, das Gemälde vom Staub umsichtig zu befreien und das Werk präventiv vor neuen Staubansammlungen zu schützen.

Ziel dieses Restaurierungsprojektes ist es, das Werk nach grundlegenden Untersuchungen, Analysen und Tests vom Staub umsichtig zu befreien und präventiv vor neuen Staubansammlungen zu schützen.

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