4. Oktober 2015 - 10. Januar 2016

Vor 100 Jahren, im Winter 1915-16 fand im russischen Petrograd (heute St. Petersburg) eine legendäre Ausstellung von sieben Künstlern und ebenso vielen Künstlerinnen der russischen Avantgarde statt. Sie wurde zu einer der einflussreichsten in der Geschichte der modernen Kunst: Kasimir Malewitsch präsentierte dort erstmals sein Schwarzes Quadrat, das zur Ikone der abstrakten Kunst wurde. Wladimir Tatlin installierte erstmals sein revolutionäres Eck-Konterrelief, eine ebenfalls abstrakte und vom Sockel befreite Skulptur aus recyklierten Materialien. Daneben zeigten bekannte und andere heute weitgehend vergessene Künstler faszinierende Gemälde, die sich hauptsächlich mit den damals in der europäischen Kunstszene aktuellen Strömungen des Kubismus und des Futurismus auseinandersetzen.

Zum 100. Jubiläum organisiert die Fondation Beyeler nach jahrelangen Recherchen eine Ausstellung, in der ein Grossteil der erhalten gebliebenen Werke – ergänzt durch solche aus dem gleichen Zeitraum – erstmals wieder vereint werden. Für diese kritische Rekonstruktion der historischen Ausstellung wurden wertvolle Leihgaben aus dem Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg, der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau, 17 weiteren russischen Museen sowie renommierten westlichen Sammlungen wie dem Pariser Centre Pompidou, dem Amsterdamer Stedelijk Museum, dem Kölner Ludwig Museum und dem New Yorker MoMA ausgeliehen. Gastkurator ist Matthew Drutt. Die AVC Charity Foundation und Cahiers d’Art haben das Projekt grosszügig gefördert.
Parallel zeigt die Ausstellung «Black Sun» aus heutiger Perspektive eine grosse Auswahl wichtiger Werke in Malerei, Skulptur, Installation und Film, die den enormen Einfluss von Malewitsch und seinem Schwarzen Quadrat auf die zeitgenössische Kunst thematisieren.

Presenting Partners: AVC Charity Foundation und Cahiers d’Art
Partner: Phillips

Saalheft

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Kubofuturismus

In der Ausstellung «Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei 0,10 (null-zehn)» von 1915/16 zeigten die meisten Künstler kubofuturistische Werke: In Russland vereinte man diese beiden aus dem Westen übernommenen Kunststile, sodass – oft durch aus der russischen Folklore übernommene Farbgebung und Motive ergänzt – der Eindruck von kubistischer Zerlegung der Gegenstände und futuristischer Illusion der Bewegung entstand. Die Arbeiten schockierten das Publikum. So schrieb ein Kunstkritiker: «Ich befürchte, sie alle werden schlecht enden. Die Wände dieses Raumes zeigen das Ende der menschlichen Moral, gleich danach beginnen Raub, Mord und der Weg zum Schafott».

Wie entsteht ein Bild? Und wie entsteht ein Text? Die Sprache war für die russischen Avantgardisten ein wichtiges Instrument zur Verteidigung ihrer neuen Kunstideale. Der Prozess des Schreibens und Malens, das Komponieren mit Wörtern und Bildgegenständen, wird im Werk Schreibtisch von Olga Rosanowa visuell erlebbar. Hintereinander gestaffelt, fügen sich helle geometrische Flächen zu einem linearen Verlauf, an dessen unterem Ende ein beschriebener Bogen Papier platziert ist. Schreibwerkzeuge sind zu sehen: Ein Tintenfass, ein Briefumschlag und Buchstaben drängen von den Seiten zur Mitte, unterschiedliche Typografien und objekthafte Fragmente besetzen die Produktionsfläche des Schreibens. Links im Bild formt ein aufgeklapptes Metermass den Buchstaben W. Ein Ding wird zum Buchstaben, der Buchstabe zum Objekt. Einzelne Wortfragmente agieren als abstrakte Formwesen jenseits aller Bedeutung.

 

 

Suprematismus

Als wirklich «skandalös» erwiesen sich jedoch die Werke von Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin. Malewitsch, der geistige Ideengeber von 0,10, zeigte an der Ausstellung von 1915/16 39 vollständig abstrakte, aus geometrischen Primärformen bestehende Bilder, für die er den Begriff «Suprematismus» kreierte, abgeleitet vom lateinischen suprematia: «Überlegenheit» oder «Oberhoheit». Mit seiner Malerei wollte er die Suprematie der Farben und die «reine Empfindung» in der Kunst postulieren. Ordnung, organisierte Strukturen und Erschaffung eines neuen künstlerischen Alphabets, das den nachfolgenden Künstlergenerationen wie ein Werkzeugkasten zur Verfügung stehen sollte, waren sein Ziel.

In den Jahren 1915/1916 durchlief der Suprematismus verschiedene Stadien: Zu den ersten statischen Grundformen – dem Schwarzen Quadrat, dem Schwarzen Kreis oder dem Schwarzen Kreuz – in Schwarz-Weiss gemalt, kamen Bewegung und mehr Farben hinzu. Das suprematistische Bild par excellence ist dabei unbestritten das Schwarze Quadrat, von Malewitsch als die «ungerahmte Ikone meiner Zeit» bezeichnet. Malewitschs Botschaft wurde verstanden: Das «personifizierte Nichts», das «tote Quadrat» nannte man das Werk. Das Ende der Ära der gegenständlichen Malerei wurde öffentlich verkündet.

 

 

Katalog zur Ausstellung

Es war ein historischer Augenblick der Kunstmoderne, als Kasimir Malewitsch unter dem Banner des Suprematismus seine gegenstandslosen Bilder der Öffentlichkeit vorstellte und Wladimir Tatlin gleichzeitig revolutionären Konterreliefs präsentierte. Die erbitterten Rivalen standen einander künstlerisch diametral gegenüber. Die Plattform, die ihre jüngsten Arbeiten zeigte, 0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei, vom Künstlerkollegen Ivan Puni 1915 in Petrograd (heute St. Petersburg) organisiert, war den 12 anderen dort vertretenen Künstlern Anlass, sich einem der Lager zuzuschlagen. Das Ergebnis war eine stilistisch vielfältige Ausstellung, in der selbst vom Kubismus inspirierte Arbeiten zu sehen waren. In der Fondation Beyeler wird zum ersten Mal wieder eine große Zahl dieser Werke in einem Ausstellungszusammenhang gezeigt. Der Katalog bietet Essays von Matthew Drutt und anderen Fachautoren sowie historische Dokumente, die teils noch nie übersetzt veröffentlicht wurden.

Texte von Matthew Drutt, Sam Keller, Maria Tsantsanoglou, Gestaltung von Miko McGinty

Link zum Katalog

Einführung in die Ausstellung “Auf der Suche nach 0,10”

Einführung in die Ausstellung “Auf der Suche nach 0,10 – Die letzte Futuristische Ausstellung der Malerei” durch Anna Szech, Assistenzkuratorin der Fondation Beyeler.

Die Ausstellung «Auf der Suche nach 0,10 - Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei» wird grosszügig unterstützt durch:

 

AVC CHARITY FOUNDATION

 

Cahiers d’Art

 

Phillips