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SAM KELLER, RAPHAËL BOUVIER, MICHIKO KONO

Balthus Discuss – Einführung / Introduction

«(...) So zeichnet sich Kunst in besonderem Masse durch Ambivalenz und eine Vielfalt von Perspektiven auf die Welt aus, die jenseits des Guten und Schönen auch abgründige, unkonventionelle, irritierende und provokative Aspekte mit einschliessen, die ebenso zur Fantasie des Menschen und zur Wahrheit des menschlichen Daseins gehören. Dieser Facettenreichtum nicht nur der Kunst sondern der Welt überhaupt muss gerade im Museum erschlossen und kritisch vermittelt werden, um den Betrachter zum Nachdenken und zur Befragung anzuregen. (...)»
Sam Keller, Raphaël Bouvier und Michiko Kono


(...) Art is notably ambiguous and wide-ranging in its perspectives on the world. Those perspectives go beyond the good and the beautiful to encompass such equally valid aspects of human existence and imagination as the appalling, the unconventional, the discomforting, and the subversive. A museum must embrace this variety and present it in critical, thought-provoking terms. (...)"
Sam Keller, Raphaël Bouvier and Michiko Kono

Balthus, Thérèse rêvant, 1938. The Metropolitan Museum of Art, New York, Jacques and Natasha Gelman Collection, 1998

Eine Ausstellung zu Balthus stellt für ein Museum eine besondere Herausforderung dar. Bis heute wird der Künstler oft mit seinen Darstellungen junger Mädchen und Frauen assoziiert, deren Anblick beim Publikum immer wieder Unbehagen und dementsprechende Debatten über künstlerische und darstellerische Grenzen ausgelöst hat und auslöst. So sorgte im November 2017 Balthus’ bedeutendes Gemälde Thérèse rêvant von 1938 im Metropolitan Museum of Art in New York für öffentliche Aufregung, als in einer Online-Petition aufgrund der erotischen Konnotation des Bildes dessen Abhängung beziehungsweise Neukontextualisierung gefordert wurde. Obgleich die Petition auf breite Resonanz stiess, liess das Metropolitan Museum das umstrittene Werk hängen und nahm es zum Anlass eines umfassenden Diskurses über Zensur und Kunstfreiheit. Auch diese Balthus-Retrospektive soll zu Diskussion und Reflexion über die Möglichkeiten und Funktionen der Kunst anregen. So zeichnet sich Kunst in besonderem Masse durch Ambivalenz und eine Vielfalt von Perspektiven auf die Welt aus, die jenseits des Guten und Schönen auch abgründige, unkonventionelle, irritierende und provokative Aspekte mit einschliessen, die ebenso zur Fantasie des Menschen und zur Wahrheit des menschlichen Daseins gehören. Dieser Facettenreichtum nicht nur der Kunst sondern der Welt überhaupt muss gerade im Museum erschlossen und kritisch vermittelt werden, um den Betrachter zum Nachdenken und zur Befragung anzuregen. Gerade die Vielschichtigkeit von Balthus’ Werk leistet einen wichtigen Beitrag zu dieser essentiellen reflexiven Dimension der Kunst als freie Ausdrucksform. So erkennt Balthus in einem Gespräch mit Costanzo Costantini in der Sprache der Kunst «eine autonome, spezifische Sprache, die keiner anderen Sprachen bedarf, um sich zu erklären und verstanden zu werden».

Sam Keller, Raphaël Bouvier und Michiko Kono
(Auszug aus der Einleitung zum Katalog «Balthus») 

A Balthus exhibition presents a museum with special challenges. The artist’s images of girls and young women are frequently perceived as disquieting and continue to raise the issue of the acceptable limits of artistic representation. In November 2017, for example, the erotic connotations of a major painting by him in the Metropolitan Museum of Art, New York, Thérèse rêvant (1938), triggered an online petition demanding the picture be removed from view or placed in a wider explanatory context. Despite widespread support for the petition, the museum left the work on display and took the protest as an opportunity to instigate public debate about the role of censorship in relation to artistic freedom. The present Balthus retrospective also seeks to encourage discussion of art’s possibilities and functions. Art is notably ambiguous and wide-ranging in its perspectives on the world. Those perspectives go beyond the good and the beautiful to encompass such equally valid aspects of human existence and imagination as the appalling, the unconventional, the discomforting, and the subversive. A museum must embrace this variety and present it in critical, thought-provoking terms. In its very ambiguity, Balthus’s work makes an especially significant contribution to the mirroring function of art as a free form of expression. The artist himself noted in conversation with Costanzo Costantini that art is “an autonomous, specific language that has no need of other languages in order to be explained and understood.”

Sam Keller, Raphaël Bouvier, and Michiko Kono
(Excerpt from the introduction to the catalogue "Balthus")