Alexander Calder & Fischli/Weiss

Im Zentrum der Ausstellung steht das Moment des fragilen Gleichgewichts, eines prekären und gleichzeitig glücksverheissenden, immer nur temporären Zustands. In exemplarischer Weise hatten Alexander Calder (seit Anfang des 20. Jahrhunderts) und Peter Fischli und David Weiss (seit Ende) Formulierungen dieses Moments gefunden. Diese könnten auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein, erweisen sich aber bei genauerer Betrachtung doch nur als zwei Seiten einer Münze, als Ergebnis unterschiedlicher Perspektiven, die in verschiedenen Zeiten auf das gleiche Thema gerichtet wurden.

Ausgewählte Werkgruppen Calders gehen in der Ausstellung einen offenen und raumübergreifenden Dialog mit einzelnen Werken von Peter Fischli und David Weiss ein. Die Schwerpunkte, entlang denen sich die Präsentation entfaltet, folgen entscheidenden historischen Momenten in Calders Schaffen. Sie erstrecken sich von Cirque Calder aus den 1920er Jahren über den Schritt zur Abstraktion und die Erfindung des Mobile Anfang der 1930er Jahre, bis hin zum souveränen und fulminanten Spiel mit den formalen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben haben. Als Kontrapunkte treten die Werke von Peter Fischli und David Weiss auf und verleihen der Ausstellung ihren besonderen Charakter.

In der unerwarteten Verbindung erhalten die Momente des Tüftelns, des Beobachtens und Experimentierens ein eigenständiges Gewicht, die Wechselbeziehung von Schwerkraft und Schwerelosigkeit wird dadurch als ungemein lebendiger Prozess in einer neuen Perspektive erfahrbar. Leichtigkeit und Schwere, das Ausloten der Grenzen des Spiels, Scheitern und Zufall als künstlerische Praxis, das Pendeln entlang der feinen Linie zwischen Humor und Poesie, der Seiltänzer als Prototyp für eine existentielle Realität – es gibt viele Berührungspunkte, die die Werke von Alexander Calder und Fischli/Weiss gemeinsam und dennoch eigenständig wirken lassen. Nur einmal wird es in den Räumen des Museums zu einer direkten Begegnung der Arbeiten von Fischli/Weiss und Calder kommen, welche die Ausstellung und ihre Erzählung öffnen wird.

Die Ausstellung ist von Theodora Vischer kuratiert, Senior Curator an der Fondation Beyeler, und entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Calder Foundation in New York und dem Künstler Peter Fischli.

 

Die Ausstellung «Alexander Calder & Fischli/Weiss» wurde grosszügig unterstützt durch:

Beyeler-Stiftung
Hansjörg Wyss, Wyss Foundation

Art Mentor Foundation Lucerne
The Broad Art Foundation
Ernst Göhner Stiftung
L. + Th. La Roche Stiftung
Simone und Peter Forcart-Staehelin
Terra Foundation for American Art
Walter A. Bechtler Stiftung
Walter Haefner Stiftung

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Peter Fischli David Weiss, Der Lauf der Dinge

Zweckentfremdet, jedoch niemals funktionslos kommen vorgefundene Gegenstände und Materialien in dieser 30-minütigen Kettenreaktion zum Einsatz und entfalten ihr Eigenleben. Ohne sichtbares menschliches Zutun stossen die Dinge einander an, bewegen sich wie aus eigenem inneren Antrieb und werden so selbst zu Akteuren. Der Film Der Lauf der Dinge entstand über einen Zeitraum von zwei Jahren (1985–1987) im Studio von Fischli / Weiss, einer alten Zürcher Lagerhalle. Einen Blick hinter die Kulissen gewährt die von Patrick Frey, einem Freund des Künstlerduos, gedrehte Dokumentation Making Things Go. Sie legt den experimentellen Charakter der Arbeit offen und löst damit den Zauber, den die filmischen Mittel erzeugen, teilweise auf. Die Akteure des Films, die «Dinge», sind seit 1987 hinter Glasscheiben in zwei Vitrinen arrangiert – nun für immer ausser Aktion, ruhiggestellt, regungslos.

Die Idee für den Film entwickelte sich aus der Arbeit an der Werkserie der Equilibres.

Peter Fischli David Weiss, Equilibres (Stiller Nachmittag)

Ihrer eigentlichen Funktion enthoben, türmen und stapeln, verkeilen und verhaken sich unspektakuläre Alltagsgegenstände zu tollkühnen Gleichgewichtskonstruktionen. Verwendung fand, was gerade zur Hand war, und so wurden Gemüse, Flaschen und Küchenutensilien, Reifen, Werkzeug und Baumaterial, Möbel, Kleider und Schuhe mit grösstem Kombinationsgeschick zu ephemeren Skulpturen arrangiert. Für den fotografisch fixierten Augenblick bildet jeder dieser riskanten Balanceakte eine ideale Komposition – die schon im nächsten Moment zusammenbrechen kann. Die Serie der Equilibres wurde 1985 erstmals in einem gleichnamigen Büchlein publiziert, dort mit dem Nebentitel «Am schönsten ist das Gleichgewicht kurz bevor’s zusammenbricht». Weitergeführt und dynamisiert wurde die Idee der Equilibres mit dem Filmprojekt Der Lauf der Dinge.

Peter Fischli David Weiss, Gleichgewichtsorgan

Was in unserem Kopf winzig klein und gut geschützt verborgen liegt, wird hier wie ein Denkmal oder ein medizinisches Modell präsentiert: das Gleichgewichtsorgan. Das Innenohr mit Schnecke und den drei bogenförmigen Gängen ist skulptural monumentalisiert. Die Bogengänge sind auch in Wirklichkeit so angeordnet, dass sie in etwa einen rechten Winkel zueinander bilden. Dank des Gleichgewichtsorgans können wir uns aufrichten, im Raum bewegen, Drehungen des Kopfes und des Körpers wahrnehmen. In dieser Ausstellung folgt das Gleichgewichtsorgan auf die Fotoserie der Equilibres. Gleichzeitig stellt es die Verbindung zu den Skulpturen von Alexander Calder in Saal 10 her. Das fragile Gleichgewicht, das heisst die Spannung zwischen Ruhe und schwindelerregendem Ungleichgewicht, ist eines der zentralen Themen, gewissermassen der Angelpunkt, im Schaffen von Calder und Fischli / Weiss

Peter Fischli David Weiss, Ohne Titel (Fragenprojektion)

Man taucht ein in einen dunklen Raum, der nur durch wellenförmige, über die Wände tanzende Muster erhellt wird. Es handelt sich dabei um Fragen, um grosse und kleine, philosophische und banale, die wie Gedankenblitze kurz aufleuchten und bald wieder verschwinden. Das schnelle Weitergehen von einer Frage zur nächsten relativiert die Differenzen zwischen ihnen, lässt vermeintlich unbedeutende, scheinbar alltägliche Fragen plötzlich abgründig erscheinen. Sie sind nicht primär an den Betrachter gerichtet, es sind die Fragen, die das Künstlerduo Fischli / Weiss seit 1981 gesammelt und fortlaufend ergänzt hat. In handschriftlicher Typografie und viersprachig – in Deutsch, Englisch, Japanisch und Italienisch – auf über 1200 Dias gebannt, werden sie von 15 Diaprojektoren auf die Wände geworfen. Die Fragen können als Aufforderung oder Erinnerung gelesen werden, können bewusst machen, dass wir vieles nicht wissen oder nicht verstehen – auf jeden Fall verleiten sie zum Weiterdenken. Die kleinen, zwischendurch eingestreuten Zeichnungen eröffnen dabei kurze Pausen im Fluss der geschriebenen Sprache und nehmen dem Ganzen die Schwere.

Alexander Calder, Tightrope

Tightrope besteht aus zwei auf Metallbeinen ruhenden Ebenholzblöcken, solide genug, um zwischen ihnen einen dünnen Draht aufzuspannen. Mit einem kleinen Gegengewicht versehen, balancieren vier abstrakte Formen auf dem «Seil». Das Werk kann als stehendes Mobile aufgefasst werden, das unmittelbar auf eine Seiltanz-Vorführung anspielt. Das Gebilde mit den vier Grundformen, die sich in prekärer Balance halten, lässt eher an eine Aktion, an eine Zirkusvorstellung denken als an eine Skulptur. Calder war der Welt des Zirkus sein ganzes Leben lang tief verbunden. Er verstand es vorzüglich, seine Werke mit performativen und abstrakten Elementen zu mischen. Immer wird Spannung erzeugt, eine Erwartung und Vorahnung. Das Publikum schaut jedenfalls gebannt auf das subtile Seiltanz-Spektakel.

Alexander Calder, Josephine Baker IV

Im Sommer 1926 zog Calder von New York nach Paris. Die französische Metropole war zu dieser Zeit das Zentrum der Bohème und der internationalen künstlerischen Avantgarde. Calder schuf dort seine legendären Drahtskulpturen, unter anderem Porträts von Fernand Léger, Edgard Varèse, Joan Miró und Kiki de Montparnasse, aber auch Tierfiguren. Kritiker bezeichneten Calders Drahtfiguren als «Zeichnungen im Raum». Von Josephine Baker, der afroamerikanischen Cabaret-Tänzerin, die mit ihren expressiven und erotischen Tänzen im Paris der 1920er-Jahre höchste Popularität erlangte, liess sich Calder gleich zu fünf Skulpturen inspirieren. Die vierte Version ist charakterisiert durch die runde Schulterpartie, den kleinen Kopf, die grazile Fussstellung und insbesondere durch die ausgebreiteten offenen Arme und Hände. Den Bauchbereich der Tänzerin bildet eine Spirale, die in der Körpermitte wie ein kostbares Schmuckstück wirkt und zugleich Ausgangspunkt aller Bewegungen ist: Das Wippen, Springen, Vibrieren der Tänzerin scheint in dieser dynamischen Spiralform ihren Ursprung zu haben.

Alexander Calder, Dog

Nur wenige Monate nach seiner Ankunft in Paris begann Calder den Cirque Calder (1926–1931) zu schaffen, einen komplexen Miniaturzirkus, den er immer wieder vor Publikum zur Aufführung brachte. Besonders im zirkusbegeisterten Paris und bald auch in New York bescherten ihm diese Vorstellungen schnell einen grossen Bekanntheitsgrad und einen regen Austausch mit Künstlerpersönlichkeiten wie etwa Hans Arp, Le Corbusier, Marcel Duchamp, Fernand Léger, Joan Miró, Piet Mondrian und Man Ray. Wie Dog zeigt, wurden die Zirkusfiguren und Requisiten aus einfachsten, vorgefundenen Materialien wie Leder, Draht, Holz, Kork, Gummi oder Stoff gefertigt. Seit 1982 befinden sich fast alle der 100 Einzelteile des Cirque Calder sowie die fünf Reisekoffer, in denen sie transportiert wurden, in der Sammlung des Whitney Museum of American Art in New York. Eine Aufführung des Cirque Calder kann auf einem Monitor in der Ausstellung mitverfolgt werden.

Jean Painlevé, Calder's 1927 Great Circus (Le Grand Cirque Calder 1927)

Le Grand Cirque Calder 1927 ist, anders als der Name es vermuten lässt, ein Miniatur-Zirkus. Nur wenige Monate nach seiner Ankunft in Paris 1926 begann Alexander Calder seinen Cirque Calder (1926–31) vor Künstlerkollegen und Freunden aufzuführen. Mit den Jahren wuchs der Cirque Calder auf 70 kleine Zirkusfiguren und Tiere an, bis er schliesslich 5 grosse Reisekoffer füllte. Zu einer von Calders Zirkusaufführungen brachte der Komponist Edgar Varèse Jean Painlevé mit. Es wurde der Beginn einer langjährigen Freundschaft zwischen den beiden Genies der Bricolage auf ihrem Gebiet.

Erst Anfang der 1950er Jahre kam die Frage nach einer filmischen Dokumentation des Cirque Calder auf, um die Performance am Leben und in Erinnerung behalten zu können. Von den drei Filmen, die gedreht wurden, war Le Grand Cirque Calder 1927 (1950) von Jean Painlevé der erste und der vollständigste. Er dokumentiert insgesamt 28 Zirkusnummern. Mittels Kamerabewegungen und Nahaufnahmen wird «die Sicht eines mittelmässig platzierten Zuschauers» wiedergegeben. Wir sehen Alexander Calder seinen Zirkus aufführen und erleben Akrobaten, Dompteure, Messerwerfer und Schwertschlucker...

Alexander Calder, Two Spheres Within a Sphere

Ausgehend von den abstrakten Ölgemälden, die in diesem Raum zu sehen sind, begann Calder, nichtfigurative dreidimensionale Kompositionen aus Draht und Holz zu gestalten. Im April 1931 präsentierte er seine abstrakten Objekte zum ersten Mal in der Pariser Galerie Percier im Rahmen seiner Ausstellung Alexandre Calder. Volumes – vecteurs – densités, dessins – portraits, für deren Katalog Fernand Léger eine Einleitung schrieb. Gezeigt wurde dort auch Two Spheres Within a Sphere, eine aus einem horizontalen und einem vertikalen Drahtkreis gebildete Sphäre, in der zwei Holzkugeln mit Hilfe von Drähten angebracht sind, die durch eine  Kurbel bewegt werden konnten. Im Anschluss befreite Calder seine Skulpturen aus ihrem Gefangensein im Statischen, indem er bewegliche Elemente einbaute, die von kleinen Elektromotoren angetrieben wurden, wie etwa bei Two Spheres, 1931.

Alexander Calder, La Demoiselle

Mit einem eleganten Knicks verbeugt sich Calders Skulptur vor dem Besucher und fächert eine bunte Palette feinster Metallformen auseinander, die bereits der leiseste Lufthauch zum Erzittern bringt. La Demoiselle gehört zu einer Gruppe von graziösen stehenden Mobiles, von denen weitere in diesem Raum zu sehen sind. Mit ihren filigranen, Anmut ausstrahlenden Körpern markieren sie den Höhepunkt an Schwerelosigkeit innerhalb von Calders Werk. In ihrer Eleganz bilden sie einen Gegenpart zu den monumentalen Stabiles oder zu jenen der Schwerkraft verhafteten Figuren Ratte und Bär im Mobile Video von Fischli / Weiss. Gemeinsam mit dem befreundeten Schweizer Fotografen und Grafiker Herbert Matter fand Calder einen Weg, unter Einsatz von starkem Scheinwerferlicht die Bewegungen und Schatten seiner zartgliedrigen Werke fotografisch festzuhalten.