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Passagen – Landschaft, Figur und Abstraktion

12. Februar – 14. August 2022

Die erste Sammlungspräsentation der Fondation Beyeler in diesem Jahr setzt sich mit dem Wechselverhältnis von Figuration und Abstraktion in der modernen Kunst auseinander, das anhand von rund 70 bedeutenden Gemälden und Skulpturen des Impressionismus, der klassischen Moderne und der Gegenwartskunst beispielhaft beleuchtet wird.

Der Übergang vom Gegenständlichen zum Abstrakten wird nicht zuletzt in den unterschiedlichen Darstellungen von Landschaften und Figuren anschaulich. So haben abstrakte Bildelemente nicht selten ihren Ursprung in natürlichen Motiven, die einem Reduktions- und Transformationsprozess unterzogen werden. Umgekehrt können aber auch abstrakte Formen und Strukturen in gegenständliche Bilder überführt werden. Abstraktion und Figuration können sich somit fortwährend wechselseitig durchdringen und neu beleben. Dies verdeutlicht auch das Beispiel der berühmten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Seerosenbilder Claude Monets, die in den 1950er-Jahren die Künstler des amerikanischen Abstrakten Expressionismus zu radikal neuen Kompositionen inspirierten. Unter dem Begriff der «Passage» vereint die Präsentation somit Werke, anhand derer sich die Verbindungslinien zwischen zwei gegensätzlichen und zugleich sich ergänzenden Bildauffassungen nachzeichnen lassen. Im Sinne eines Übergangs- beziehungsweise Durchgangswegs lässt sich der Passagen-Begriff aber auch motivisch an verschiedenen Werken festmachen.

Unter den in dieser Sammlungspräsentation vertretenen Künstlerinnen und Künstlern hat Gerhard Richter (*1932) eine herausragende Stellung inne. Aus Anlass seines 90. Geburtstags wird ein Ausstellungsraum mit Sammlungswerken und Leihgaben dem umfassenden Schaffen dieses bedeutenden zeitgenössischen Künstlers gewidmet, das auf eindrucksvolle Weise das künstlerische Zusammenspiel von Figuration und Abstraktion zur Anschauung bringt. Mehr erfahren

Ein eigener Raum ist auch der amerikanischen Künstlerin Agnes Martin (1912–2004) und ihren charakteristischen, geometrisch-abstrakten Werken zugedacht, die von der Daros Collection grosszügigerweise als Leihgaben zur Verfügung gestellt wurden.

«Passagen – Landschaft, Figur und Abstraktion» wurde von Dr. Raphaël Bouvier, Kurator der Fondation Beyeler, kuratiert.

#CollectionBeyeler

Gerhard Richter

Bis 14. August

Gerhard Richter gehört zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. In den fast siebzig Jahren seiner künstlerischen Tätigkeit hat er ein Œuvre hervorgebracht, das sich durch thematische und stilistische Vielfalt auszeichnet. Aus Anlass seines 90. Geburtstags zeigt die Fondation Beyeler erstmals neue Werke von Gerhard Richter. In einem vom Künstler selbst konzipierten Raum ist erstmals, eine neue Serie von Arbeiten auf Papier zu sehen. Sie umfasst insgesamt 31 kleinformatige, abstrakte Werke, die im Januar 2022 entstanden sind, sowie 31 Fotografien davon als Auflage mit dem Titel «mood».

Mit Zeichnen und Aquarellieren beschäftigte sich Gerhard Richter hauptsächlich in den 1980er- und 1990er-Jahren. In den abstrakten Arbeiten auf Papier fand er Wege, um stilistische Fixierungen und feste Vorstellungen zu überwinden, Widersprüchliches sichtbar zu machen. Dabei bediente er sich verschiedener Verfahren, die über die Konventionen des klassischen Aquarells hinausgingen. Im Widerspiel von bewusster Gestaltung und unkontrollierbarem Geschehen entstanden Blätter von faszinierender Dichte und Lebendigkeit, wie sie in dieser Weise auf der Leinwand mit Ölfarbe nicht herzustellen gewesen wären. Angesichts der überraschenden, ästhetisch überwältigenden Ergebnisse hegte Richter oft Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Arbeiten. So vollendete er 1997 einen letzten Aquarellzyklus, und 1999 setzte er mit einer Folge von Bleistiftzeichnungen vermeintlich einen Schlusspunkt unter diese Gattung.

 

Während Jahren konzentrierte sich Richter dann gänzlich auf die Malerei; erst in seinem späten Schaffen traten Arbeiten auf Papier unversehens wieder in den Vordergrund. Nach der Fertigstellung eines grossen abstrakten Bildes entschied er 2017, die Malerei endgültig aufzugeben, und gegen Ende des Jahres begann er wieder zu zeichnen. Nach wie vor verbrachte Richter im gewohnten Rhythmus den Tag im Atelier, doch statt auf der Wand arbeitete er nun am Schreibtisch. Seine Arbeitsweise blieb dieselbe: Die Malerei war nie kontinuierlich vonstattengegangen, sie hatte sich stets auf begrenzte Perioden beschränkt. Auf intensive Wochen folgten längere Pausen, die Richter mit anderen Tätigkeiten füllte, und dies war auch bei den Arbeiten auf Papier der Fall. Da sie jeweils mit einem Datum versehen sind, ist ersichtlich, dass sie innerhalb weniger Tage oder Wochen entstanden, abhängig von Stimmung und Konzentration. Bald ging Richter über das Zeichnen mit dem Bleistift hinaus und verwendete Ölkreiden und Tinten, um der Arbeit weitere Impulse zu verleihen. Diese Blätter stellte er verschiedentlich aus, und obwohl er jeweils erklärte, dies seien nun seine endgültig letzten Werke, folgten einige Monate später weitere.

 

Die bisher letzten Arbeiten datieren vom Januar 2022. Es sind keine Zeichnungen, sondern an Richters Aquarelle erinnernde farbige Malereien. Er verwendete dafür Glasmalfarben, die er von einer Firma als Muster zugeschickt bekommen hatte. Die ungefragt eingetroffene Sendung regte ihn an, die Farben auszuprobieren. Es waren Tinten, die ähnliche Eigenschaften wie die Lackfarben besassen, mit denen er Jahre zuvor auf Glas und einmal auch auf Papier gearbeitet hatte: Sie liessen sich ausgiessen, mittels verschiedener Instrumente auf der Papierfläche verteilen und mit Zusätzen wie Benzin in ihrer Reaktion beeinflussen; sie bildeten Gerinnsel, doch mit weniger scharfen Rändern als Lacke, und sie trockneten schnell. In der Woche vom 5. bis zum 11. Januar schuf Richter auf diese Weise 31 Blätter, bis zu sieben an einem Tag.

 

Die neuen farbigen Blätter zeigen keine Verwandtschaft mit Richters abstrakten Bildern. In diesen wurden einander überlagernde Schichten von Ölfarbe auf die Leinwand gelegt, sodass mit jedem Farbauftrag Figuren und Formen überdeckt und zerstört wurden und am Ende eine poröse Oberfläche erzeugt wurde. Wie schon in den Aquarellen, den schwarzen Tuscheblättern von 1991 und ebenso in den Hinterglasbildern der frühen 2010er-Jahre sind die Farben in den neuen Arbeiten auf Papier neben- und miteinander präsent; sie fliessen in- und übereinander, doch da sie lasierend sind, steigert der weisse Papiergrund ihre Leuchtkraft. Was die Blätter zu sehen geben, lässt sich kaum in Worte fassen. Da die Farben die Papiere ganzflächig bedecken, gibt es keinen Rahmen, an den sich das Auge halten kann. Es wird unmittelbar von der Bewegung der Farben angezogen und treibt gleichsam mit; für den Betrachter liegt darin ein momentanes Glück. Man könnte Metaphern für das Gesehene finden – Naturereignisse, submarine Landschaften, Gesteinsschichten –, doch sie wirken gegenüber der Frische dieser Blätter verbraucht und unecht. Waren die Aquarelle durch Bleistiftlinien, durch breite Pinselstriche und durch die Wiederholung von Bildelementen strukturiert, so entfällt eine solche Grundlage in den neuen farbigen Arbeiten; die Formen scheinen offen und schweben in der Bildfläche, ohne an selbst gesetzte Regeln gebunden zu sein, als ginge alles von selbst. Die Mühelosigkeit der Herstellung, die aus den Blättern spricht, findet ihr Gegenstück im beinahe willenlos darüber streifenden Blick.

 

Die Zeichnungen der letzten Jahre reproduzierte Richter im Originalformat in Künstlerbüchern, wie er dies einige Jahre zuvor schon mit den Suiten Elbe und November getan hatte, denn die Möglichkeiten der Reproduktion faszinierten ihn seit dem Beginn seiner Beschäftigung mit der Fotografie. Auch eigene Gemälde, die ihm wichtig waren, hatte Richter fotografisch reproduzieren lassen und sie als Edition publiziert, denn wichtiger als der Status des handgemalten Originals war ihm das perfekte, unangreifbare Bild selbst, das auf diese Weise grössere Verbreitung fand. Ähnlich verfuhr er mit den farbigen Blättern vom Januar 2022: Zum einen reproduzierte er sie in Originalgrösse in einem Buch, begleitet von Texten, die er aus kunstkritischem Wortmaterial synthetisierte. Ferner liess er Bildkopien anfertigen, die er gerahmt im Sammlungsraum der Fondation Beyeler den Originalen gegenüberstellte. Die provokative Gegenüberstellung hat ihren Reiz, denn kaum jemand wird ohne Vorwissen in der Lage sein, die Kopien von den Originalen zu unterscheiden. Doch durch die Verdoppelung der Bilder schafft Richter unwillkürlich Distanz zu ihnen; was zunächst nur zufällig schien, wird in der Reproduktion zu einem feststehenden Faktum. Gegenüber den bloss mit ihren Entstehungsdaten betitelten Originalen gab Richter der Wiedergabe der Blätter den Titel mood. Der englische Titel anstelle der deutschen Ausdrücke «Laune» oder «Stimmung» weckt Erinnerungen an Jazz-Stücke, er deutet aber auch an, dass die sprachlose Bildfolge zum betitelten Objekt wird, das durch die Vervielfältigung fern seiner Entstehung in weltweiten Umlauf kommt.

 

Text von Dieter Schwarz

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Liste der Künstlerinnen und Künstler

Lucas Arruda
Francis Bacon 
Balthus
Constantin Brancusi
Georges Braque
Alexander Calder
Paul Cézanne
Max Ernst
Sam Francis

Paul Gauguin
Alberto Giacometti
Vincent van Gogh
Ferdinand Hodler
Wassily Kandinsky
Ellsworth Kelly
Agnes Martin
Joan Miró
Joan Mitchell

Claude Monet
Barnett Newman
Pablo Picasso
Jackson Pollock
Gerhard Richter
Auguste Rodin
Mark Rothko
Henri Rousseau


Die Ausstellung wird grosszügig unterstützt durch: