Stammeskunst Afrika

Stammeskunst Afrika
Kopfaufsatz, a mantsho-na-tshol, 19. /20. Jahrhundert
Stampferfigur, deble, um 1870
Weibliche Reliquiarfigur, biery, 19./20. Jahrhundert
Männliche Ahnenfigur, lusingiti, 19./20. Jahrhundert
Kultfigur, 19. oder frühes 20. Jahrhundert
Nagelfigur, nkisi n’kondi, vor 1900
Sitzende Figur, vermutlich 17. /18. Jahrhundert
Zeremonientuch der Kuba, um 1920
Zeremonientuch der Kuba, um 1930
Kopfaufsatz, a mantsho-na-tshol, 19. /20. Jahrhundert
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Zurzeit in der Fondation Beyeler ausgestellt

Stammeskunst Afrika
Kopfaufsatz, a mantsho-na-tshol, 19. /20. Jahrhundert

Form einer Schlange
Unbekannte Werkstatt der Baga-, Nalu-, Landuma-, Pukur-, Bulumits-Regionen, Guinea
Holz, bemalt, 200 cm
Foto: Robert Bayer, Basel

Die christliche Mission und die Islamisierung veranlassten viele Stämme in Afrika, sich durch Geheimbünde abzugrenzen, um ihre traditionellen Religionen weiterleben zu können. Ein wichtiges Emblem von Geheimbünden an der Küste Nordguineas ist eine solche Aufsatzmaske eines Medizinmanns. Sie stellt eine stilisierte aufgerichtete Boa constrictor dar und ist aus einem Stück Holz geschnitzt, das möglicherweise schon während des Wachstums in diese Form gebracht wurde. Wegen ihres Gewichts und ihrer Höhe konnte sie wahrscheinlich nur mit Hilfe eines Traggestells und mehreren Helfern getragen werden. Ihre eigentliche Funktion bleibt unklar: Sie kam wohl vor allem bei Initiationsriten zum Einsatz und soll die Fähigkeit haben, auch die schädlichsten Dämonen zu bannen.

Stampferfigur, deble, um 1870
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Zurzeit nicht ausgestellt

Stammeskunst Afrika
Stampferfigur, deble, um 1870

Werk eines Senufo-Meisters der Sikasso-Region, Mali
Holz mit glänzender dunkler Patina, 95 cm
Foto: Robert Bayer, Basel

Die deble- oder doogele-Skulpturen des Stammes der Senufo in Mali werden in einem heiligen Bezirk aufbewahrt, zu dem nur die Männer des für den sozialen Zusammenhalt zuständigen poro-Geheimbundes Zugang haben. Bei Beerdigungsriten wird mit den Figuren auf den Boden gestampft, vielleicht um die Ankunft des Verstorbenen im Jenseits anzukünden. Weil sie zu den am höchsten verehrten Bildwerken gehören, sind solche Figuren erst sehr spät nach Europa gelangt. Dieses Werk, das durch die Mischung aus stilisierter Linearität und plastischer Körperlichkeit besonders eindrucksvoll ist, gilt als eine der frühesten bekannt gewordenen Skulpturen dieser Art.

Weibliche Reliquiarfigur, biery, 19./20. Jahrhundert
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Zurzeit nicht ausgestellt

Stammeskunst Afrika
Weibliche Reliquiarfigur, biery, 19./20. Jahrhundert

Unbekannter Betsi-Meister der südlichen Fang-Region, Gabun
Holz mit glänzender dunkler Patina, 44 cm
Foto: Robert Bayer, Basel

Zu dieser Figur gehörte ein als biery bezeichnetes Reliquiargefäss, in dem sterbliche Überreste wichtiger Persönlichkeiten aufbewahrt wurden. Es ist nicht geklärt, ob die Skulpturen Porträts der Verstorbenen sind. Die Figur trug in ihren Händen ein Opfergefäss, und ihre dunkle Patina rührt möglicherweise von Blut oder Palmöl her, mit denen sie rituell bespritzt oder eingerieben wurde. Der Stamm der Fang im heutigen Gabun brachte die vielleicht bedeutendsten Schnitzplastiken Afrikas hervor. Die Stilisierung von Gesicht und Körper, die ein besonderes Gefühl für Körperlichkeit deutlich macht, und das Kubisch-Konstruierte der Skulptur sind von faszinierender Wirkung, auch für Angehörige westlicher Zivilisation.

Männliche Ahnenfigur, lusingiti, 19./20. Jahrhundert
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Zurzeit nicht ausgestellt

Stammeskunst Afrika
Männliche Ahnenfigur, lusingiti, 19./20. Jahrhundert

Unbekannter Hemba-Meister der Bena-Niembo-Region, Demokratische Republik Kongo
Holz mit glänzender Patina, 90 cm
Foto: Robert Bayer, Basel

Bei den Hemba, einem Volk, das in Ost-Zaire siedelt, spielt der Ahnenkult eine grosse Rolle. Ahnen wurden als Figuren dargestellt, die in Schreinen aufbewahrt und bei bestimmten Anlässen verehrt und angerufen wurden. Diese besonders schöne Figur beeindruckt durch ihre symmetrisch stilisierte Körperauffassung. Die Patina entstand durch die Verreibung von Palmöl, die Teil des Verehrungskults war. Wie bei allen solchen Skulpturen waren Geschlecht und Beine durch einen – hier fehlenden – Bastrock verdeckt.

Kultfigur, 19. oder frühes 20. Jahrhundert
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Zurzeit nicht ausgestellt

Stammeskunst Afrika
Kultfigur, 19. oder frühes 20. Jahrhundert

Unbekannter Meister der Mumuye-Region, Nigeria
Holz mit glänzender dunkler Patina, mit Sockel 99 cm
Foto: Robert Bayer, Basel

Formal und künstlerisch ist diese Figur des Volkes der Mumuye in Nigeria für den westlichen Betrachter vielleicht die eindrucksvollste in der Fondation. Es ist grossartig, wie der Bildhauer die aus einem Baumstamm geschnitzte Figur einerseits rundplastisch, andererseits kubisch aufgefasst hat: Auf dem schlanken Leib, der auf kurzen Beinen steht, sind Brustwarzen und Geschlecht oder Nabel angedeutet. Aus der Schulter wachsen die monumentalen, den Leib ganz umschliessenden, in stilisierten Händen endenden Arme. Ob sie ein Gefäss getragen haben, ist unklar. Bekrönt wird die Skulptur durch die Andeutung eines vergleichsweise winzigen Gesichts mit helmartigem Haaraufbau. So eindrucksvoll die Figur ist, so wenig weiss man über ihre eigentliche Funktion. Die postkolonialen Kriege, die Afrika bis heute erschüttern, haben viele Traditionsstränge unwiederbringlich zerstört.

Nagelfigur, nkisi n’kondi, vor 1900
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Zurzeit nicht ausgestellt

Stammeskunst Afrika
Nagelfigur, nkisi n’kondi, vor 1900

Kongo-Werkstatt der Vili-Region, Demokratische Republik Kongo
Holz, Nägel und andere Eisenteile, Kaurimuschel, Porzellan, Harzmasse, 104 cm
Foto: Robert Bayer, Basel

Solche n’kondi-Figuren haben für das Volk der Vili in der Kongo-Region die machtvolle Aufgabe, böse Mächte abzuwehren, als Orakel zu dienen und Schwachen wie Schwangeren und Kindern Schutz zu gewähren. Bei der Herstellung der Figur wurde traditionellerweise besonderer Wert auf die Darstellung des Gesichts mit dem aus Harz geformtem Bart gelegt, das machtvoll abschreckend und zugleich beschützend wirken sollte. Die untere Körperpartie war wohl durch einen Bastrock verdeckt. Durch die Applizierung von Heilkräutern und Zauberstoffen führte der Medizinmann die Figur ihrer Aufgabe zu. Dass das Werk eine Projektionsfigur verschiedener Wünsche war, zeigen die Nägel und Eisenstücke, die in ihr stecken. Die Nägel sind gewissermassen mit Wünschen verbunden, in der Hoffnung, die Figur möge sie erfüllen.

Sitzende Figur, vermutlich 17. /18. Jahrhundert
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Zurzeit in der Fondation Beyeler ausgestellt

Stammeskunst Afrika
Sitzende Figur, vermutlich 17. /18. Jahrhundert

Fragment einer Schlitztrommel
Werkstatt der M'bembe-Region, Nigeria
Holz (aus einem Stück), Endstück einer Riesentrommel (ca. 2–3 m), 82 x 54 cm
Foto: Robert Bayer, Basel

Solche Figuren verzierten die Enden von grossen sogenannten Schlitztrommeln, die Kommunikationsmittel des Volkes der M’bembe in Nigeria waren. Sie sind aus einem Stück geschnitzt. Ihr Alter ist schwer zu bestimmen; sie sind stark verwittert, weil sie ungeschützt der Witterung ausgesetzt waren. C14-Untersuchungen bei vergleichbaren Skulpturen haben ergeben, dass das Holz bis zu 300 Jahre alt sein kann. Die Figur, eine sitzende Frau, ist erstaunlich naturnah dargestellt – ein Merkmal der Kunst der M’bembe.

Zeremonientuch der Kuba, um 1920
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Zurzeit im Kunstmuseum Wolfsburg ausgestellt

Stammeskunst Afrika
Zeremonientuch der Kuba, um 1920

Demokratische Republik Kongo,
Raphia, mit gefärbten Applikationen, 254 x78 cm
Foto: Robert Bayer, Basel

Zeremonientuch der Kuba, um 1930
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Zurzeit im Kunstmuseum Wolfsburg ausgestellt

Stammeskunst Afrika
Zeremonientuch der Kuba, um 1930

Demokratische Republik Kongo
Raphia, gefärbt, 677 x 83 cm
Foto: Robert Bayer, Basel

Die Erkenntnis, dass von westlicher Zivilisation nicht berührte Völker Kunstwerke von eigenständiger Bedeutung und grosser Ausdruckskraft schaffen, war für die Kunst der Moderne von grosser Wichtigkeit. Künstler wie Picasso und Matisse sammelten nicht nur aussereuropäische Kunstwerke, sondern liessen sich auch von deren Formen und ihrer Wirkungsmacht anregen. Bestes Beispiel dafür ist Picassos Femme von 1907 in der Fondation, deren Gesichtsform von afrikanischen Masken inspiriert ist. Es ist daher konsequent, einer Sammlung moderner westlicher Kunst auch aussereuropäische Kunst hinzuzufügen, wie dies Hildy und Ernst Beyeler taten. Auch wenn diese Werke ihrer eigentlichen Funktion als kultisch verehrte Bilder mit überirdischen Fähigkeiten entzogen werden, sind sie im Museum doch in der Überzeugung aufgestellt, dass sie gleichberechtigt neben den Werken der modernen Kunst bestehen. Ist zudem die Präsentation dieser religiös inspirierten Werke zusammen mit den Bildern der grossen Meister der Moderne nicht eine angemessene Form der Aufstellung ausserhalb des Kulturraums, aus dem sie stammen?

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