La poupée
Die Puppe
Hans Bellmer ist der grosse Obsessive des Surrealismus. Seit 1932 beschäftigte er sich intensiv mit der Erzeugung einer »künstlichen Tochter« – der Puppe. Auslöser hierzu war nicht zuletzt der Besuch von Jacques Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen mit der Geschichte von der mechanischen Puppe Olympia und ihrem Verehrer. Bellmer war von mehreren (surrealistischen) Themen zugleich fasziniert: von den Motiven des Doppelgängers, der Täuschung, der Leidenschaft und des Untergangs. In diesem vielleicht bedeutendsten surrealistischen Objekt wird auf der einen Seite der Körper zum Gegenstand, auf der anderen Seite wird die Möglichkeit einer ständigen Verwandlung des Körpers ins Spiel gebracht. La poupée rief bei den Surrealisten sowohl Schaudern als auch Verzückung hervor, da sie die Metamorphose des Körpers als Etappe im Zyklus von Leben und Tod verstanden.
La ville entière
Die ganze Stadt
Max Ernst ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Pariser Surrealistengruppe. Mit seinem weit gefächerten Werk hat er die Vorstellungen von Kunst beträchtlich erweitert, und sein experimentelles Arbeiten mit unterschiedlichsten Materialien und Maltechniken führte ihn zu aufregenden Entdeckungen. In seinem prachtvollen Gemälde La ville entière präsentiert er uns eine geheimnisvolle Landschaft mit einer imposanten Stadtarchitektur, die sich in mehreren Stufen und Schichten über einen Hügel zieht. Ein machtvolles gelbgrünes Gestirn steht am Himmel und im Vordergrund – in extremer Nahsicht – breitet sich ein undurchdringlicher Gräser-Dschungel aus. In diesem Bild verbindet Max Ernst nicht nur Nah- und Fernsicht, sondern auch verschiedene Zeiten. Die Stadt erinnert an eine archäologische Fundstätte, an untergegangene Zivilisationen mit archaischen Tempelarchitekturen. Vielleicht präsentiert das Bild aber auch eine Zukunftsvision. In jedem Fall ist das Gemälde eine Fundstätte des Imaginären, eine Architektur des Traums. Darin ist Max Ernst Meister. Er gestattet dem Betrachter, seine Visionen mit ihm zu teilen, er leiht ihm förmlich seine Träume, die erkundbar werden wie eine unbekannte Landschaft.
La Clef des songes
Der Schlüssel der Träume
Ein Bild wie ein illusionistisches Fenster, in dessen Öffnungen sechs Gegenstände zu sehen sind. Diesen ist jeweils ein Wort zugeordnet, das nach herkömmlichen Vorstellungen nichts mit dem dargestellten Objekt zu tun hat. Magrittes Gemälde thematisiert einerseits die Unabhängigkeit der Gegenstände von den sie bezeichnenden Begriffen, andererseits führt er dem Betrachter vor, wie das Denken durch Sprache bestimmt wird. Der Bildtitel lässt auch an Sigmund Freuds Werk Die Traumdeutung denken, obwohl sich Magritte eher kritisch über die Psychoanalyse geäußert hat. Freud war einer der ersten gewesen, der die bis dahin so sicher scheinende Verbindung zwischen Gegenstand und Begriff relativiert hatte. Ein durch ein bestimmtes Wort definierter Gegenstand kann im Unbewussten etwas ganz anderes bedeuten. Warum ist es dann, im Sinne Magrittes, nicht möglich, das Andere mit dem Begriff zu benennen, der konventionell als falsch gilt?
Peinture (Le cheval de cirque)
Malerei (Zirkuspferd)
Der Katalane Joan Miró bewegte sich schon seit Anfang der 1920er Jahre in den Kreisen der Pariser Surrealisten. Für André Breton war er „der surrealistischste von uns allen", obwohl Miró sich weigerte, den künstlerischen Schaffensprozess völlig unter die Regie des Unbewussten zu stellen.
1927 schuf er eine Serie hochformatiger Kompositionen mit strahlend blauem Hintergrund, darunter Peinture (Le cheval de cirque). Dabei handelt es sich um ein Vexierbild, das sich zwischen humorvollem Porträt und delikatem Balanceakt der Bildelemente bewegt. Das zentrale Motiv ist ein Peitschenknall, der das Bild diagonal durchzuckt. Am Ende der gelben Rute schwingt die Geissel wellenförmig nach oben und bändigt das titelgebende Zirkuspferd. Gleichzeitig verbindet sie es mit dem Gesicht des clownesken Dompteurs, dessen weissgeschminkte Augenpartie mit einem feinen vertikalen Strich auf einem roten Sichelmund balanciert.
L’atelier du peintre (La fenêtre ouverte)
Das Atelier des Künstlers (Das offene Fenster)
Picasso stand dem Surrealismus von 1924 bis 1934 nahe. Bretons Grundforderung, dass der Gestaltungsprozess vom Unbewussten gesteuert werden solle, lehnte er jedoch ab. Er wollte, wie er sagte, »die Natur nicht aus den Augen verlieren«. Das vorliegende Hauptwerk bezeugt seine eigene surreale Vorgehensweise. Ganz im Sinne des Surrealismus funktioniert das Bild als offenes Fenster. Aber etwa anders als bei Dalí öffnet sich das Fenster nicht auf eine traumartige Szenerie. Surreal ist hier vor allem die Innenseite, das Atelier. Dieses aus Maler, Modell und Objekten bestehende Universum komprimiert Picasso zu zeichenhaften Formen. Aber auch diese dienen dem Ausdruck seines ganz eigenen Blicks auf die Welt und deren Präsenz im Kunstwerk. Der Surrealismus ist bei Picasso – so könnte man sagen – weniger eine eigene Sprache als einer von mehreren Dialekten, die der Künstler beherrscht.




