Nach seiner Lehrzeit an der Brera in Mailand zog es den jungen Maler mit seiner Partnerin Bice in die Welt Graubündens, zunächst nach Savognin. Schon in den Brianza-Jahren war das Hauptthema Segantinis das symbiotische Verhältnis von Mensch und Tier und die Bauern bei ihrer täglichen Arbeit (Heuernte, 1889/89; Schafschur, 1886-88; Rückkehr vom Wald, 1890). Der Stall ist Ort der Geborgenheit, der in der einbrechenden Dunkelheit Schutz verspricht, Holz und Stroh garantieren darüber hinaus Wärme. Lediglich in seinem frühen Werk Die Kürbisernte (1884–1886) durchbricht zum ersten und einzigen Mal die Industrialisierung in Gestalt der Eisenbahn die überhöhte Darstellung der ländlichen Idylle. In seinen Gemälden klingt die künstlerische Verwandtschaft zu Malern wie Millet oder Courbet, aber auch Liebermann an.
Rückkehr vom Wald, 1890
Vom letzten Abendlicht beschienen, kehrt eine Frau mit gebücktem Rücken vom Holzsammeln in das Dorf am Fusse der Berge zurück, wo bereits die ersten Lichter in den Häusern angezündet wurden. Heimkehr ist hier zugleich Sinnbild der Einsamkeit und Allegorie des Todes. Seine Bildwelt ist programmatisch vom Zyklus der Jahreszeiten und vom Kreislauf des Lebens bestimmt.
Schafschur, 1886-88
Im Vordergrund werden im Halbdunkel des Stalls die Schafe geschoren, während auf einer lichtdurchfluteten Wiese im Hintergrund die restliche Schafherde zu sehen ist. Bestimmend ist auf diesem Blatt der grosse Gegensatz zwischen Licht- und Schattenzonen. Die horizontale Komposition ist aufs Wesentliche vereinfacht.
Ruhe im Schatten, 1892
Auf einem Stück Gras oberhalb eines Bauernhofes sieht man eine Magd ausgestreckt auf dem Gras liegen, das Werkzeug neben sich. Schläft sie oder ruht sie nur? Ist sie von der harten Arbeit auf dem Hof erschöpft? Das Gemälde vermittelt die harte, körperliche Arbeit des Bauernlebens, ohne die Magd bei der Arbeit zu zeigen.
Heuernte, 1889/98
Vor der imposanten Kulisse gezackter Berge recht eine Frau Heu zusammen. Sie hat das traditionelle Arbeitsgerät fest im Griff, zum Schutz gegen die Höhensonne spendet die weisse Haube Schatten. Im Vordergrund sind noch einige Steine zu sehen, die aus dem Acker gesammelt wurden – ein Hinweis darauf, wie mühselig die Feldarbeit in den Bergen ist.
Kürbisernte, 1884-86
Das Gemälde gehört zu den frühen Werken Segantinis, die noch in der Brianzaebene entstanden. Direkt neben dem Feld, auf dem grosse Kürbisse geerntet werden, fährt ein Zug vorbei, der die auf dem Feld arbeitenden Menschen in weissen Dampf einhüllt. Kürbisernte ist das einzige Bild Segantinis, in welchem die Industrialisierung deutlich kritisiert wird.
Das Gemälde Ave Maria bei der Überfahrt von 1886 zählt zu den berühmtesten Werken Segantinis. Nach einer ersten Fassung aus dem Jahr 1882 markiert es sowohl den Abschluss der Brianza-Jahre, als auch den Beginn seiner von der divisionistischen Technik geprägten Lichtmalerei, die er bis zu seinem Tode immer weiter entwickeln wird. Der Künstler zergliedert die Materie in Licht und Farbe und findet zu einer überirdischen Strahlkraft. Je höher er in die Berge steigt, desto leuchtender werden seine Werke und desto individueller die Handhabung von Farbe, Form und Motiv. Als eines seiner letzten Werke vereint dies sein unvollendet gebliebenes Bild Berglandschaft, 1898/99. Das Mystische der Berge überträgt sich hier direkt in das Werk: Seine feinen Pinselstriche mit reiner Farbe verdichten sich zu einer regelrechten Lichtexplosion und führen ihn in immer höhere Sphären künstlerischer Ausdrucksfähigkeit.
Ave Maria bei der Überfahrt, 1886
An der Grenze von Horizont und Firmament flimmert der Sonnenuntergang, eingefasst von den gebogenen Stangen des Botes, überfangen von der Weite und dem Leuchten des Abendhimmels und gespiegelt auf der glitzernden Wasseroberfläche. Hier scheint nicht nur der weite Himmel, sondern auch die ganze Welt seines Gemäldes aus unendlich vielen Lichtpartikeln zu bestehen.
Rückkehr zum Stall, 1888
Deutlich ist die Anwendung des Divisionismus in diesem Werk zu erkennen: der von Mensch und Tier zertretene Boden auf dem Weg zum Stall ist in leuchtenden, nebeneinander gesetzten Braun-, Grün- und Gelbtönen dargestellt, das Licht aus der geöffneten Stalltür weist den sicheren Weg im Dämmerlicht des Abends.
Berglandschaft, 1889/99
Hier sieht man die Grundierung in Terra Rossa, die Segantini immer verwendete, auf die er dann in klaren Strichen weiss und helles Blau aufträgt, um den Schnee und das reflektierende Licht der hohen Berge darzustellen. Gerade auch dieser Kontrast durch das unterliegende Rot ist für ihn unerlässliches Hilfsmittel seiner divisionistischen Technik.
In der Höhe der Berge empfand Giovanni Segantini mehr Licht, mehr Klarheit, mehr Luft. Die Bergwelt war für ihn und seine Malerei ein mystischer Ort, dessen Eindrücklichkeit direkt in seine Werke Eingang fand.
Das landschaftliche Umfeld Segantinis war zuerst die Ebene, dann der Talboden mit seinen Seen, bis er sich dann auf den Hochplateaus einrichtete – jenem Raum noch ungezähmter Natur, den Segantini als universelle Harmonie darstellt. Die Natur bei Segantini ist göttlich, nie tödlich. Erst in der späten, unvollendeten Berglandschaft nähert er sich der Gipfelzone und verliert sich dabei in einer Ahnung von Monochromie und Abstraktion. Der Berg als letzes Refugium – ein Menschheitsmythos seit der Sintflut und der Errettung des Lebens.
Die Reduktion des Motivs auf wenige Bildgegenstände und die Konzentration auf wenige Farbabstufungen in seinen späten Werken bringen ihn an den Punkt, wo die Auflösung der Materie in reine Farbe und Licht, in unsichtbare Energie nicht mehr weit ist.
Mittag in den Alpen, 1891
Dies ist ein "Paradebild" Segantinis, das alle wesentlichen Ingredienzen seiner Kunst enthält. Die Mittagssonne brennt an der Baumgrenze, ein leichter Wind weht. Mit der einen Hand hält Baba, Segantinis Haushälterin, die auch Modell steht, ihren Strohhut fest, der ihr Schatten spendet. Sie schaut ins Land, in die Ferne, zu einem anderen Horizont, ins Firmament – in die Zukunft? Die Schafe weiden abgewendet, alles ist aufs Schauen konzentriert, alles dient einer allegorischen Überhöhung. Segantini – ein naturalistischer Symbolist. Und mit diesem Bild gewinnt er die perfekte Bildstruktur, es ist vom Divisionismus geradezu durchwebt. Der Künstler zergliedert die Materie in Licht und Farbe und findet zu einer beinahe überirdischen Strahlkraft.
Kühe an der Tränke, 1888
Eine Erfrischung am Trog für Mensch und Tier – Wasser als Quell des Lebens nicht nur tropfend aus dem Maul der Kuh, sondern auch in Form geschmolzenen Schnees auf der Hochebene und auf den schneebedeckten Bergen im Hintergrund.
An den Fuss des Berges geschmiegt und am Rande der weiten Hochebene gelegen, ist im Hintergrund ein Bergdorf - Savognin – dargestellt, der Kirchturm ragt deutlich aus der Ansammlung von Häusern heraus.
Frühling in den Alpen, 1897
Vor einer von Bauern bestellten Hochebene erstreckt sich schneebedeckt und hell leuchtend ein breites Alpenpanorama unter weitem Himmel. Nur ein paar dünne Wolken durchziehen das leuchtende Blau, das sich in den Schatten der Berge auf dem Schnee wiederholt.
Studie zu Das Leben oder Werden, 1897
In dieser grossformatigen Zeichnung ist erkennbar, dass Segantini den Divisionismus nicht nur in seinen Gemälden verwendet, sondern auch seine Zeichnungen mit dieser Technik anfertigt. In Form vielfältiger Schraffuren ist klar von Fels und Himmel unterschieden, nur noch die Bergspitzen des Bergells sind von den ersten Sonnenstrahlen hell erleuchtet – auf malerische Weise gelingt es Segantini, das Werden eines neuen Tages und des neuen Lebens bereits in der Vorzeichnung zum Triptychon darzustellen.













