Zeit seines Lebens pendelte Pierre Bonnard zwischen Stadt und Land und verbrachte viele Monate in seinen Häusern "Ma Roulotte" in Vernonnet und "Le Bosquet" in Le Cannet bei Cannes an der Côte d’Azur. Neben den farbenprächtigen Darstellungen der jeweiligen Gärten waren es vor allem die Szenen im Inneren der Häuser, denen er sich in immer neuen Farb- und Raumkonstellationen widmete. Durch die Einbeziehung von Spiegeln und die Darstellung offener Fenster und Türen gelang es ihm, den durch die Leinwand vorgegebenen Bildraum optisch zu erweitern und den Innen- mit dem Aussenraum zu verbinden.
In der Fondation Beyeler soll diese Verbindung von Bild und Raum mittels des idealen Hauses Bonnards, seiner "Maison imaginaire", erlebbar gemacht werden: Der Besucher flaniert auf "La Rue" (der Strasse) und tritt dann in einen Raum, welcher dem Thema der "Salle à manger" (dem Esszimmer) gewidmet ist. Er erlebt die persönlichen Blicke im Raum "Salle des bains", der Badezimmerszenen zeigt, und dem Saal "Le Miroir", der sich mit dem Thema des Spiegels befasst. Ausserdem sind drei Säle den Gärten Bonnards und ihrer Umgebung gewidmet: "Le Jardin" (Der Garten). Den Abschluss bildet "Intérieur / Extérieur", der sich dem Übergang zwischen innen und aussen zuwendet, einem sehr wichtigen Thema im Œuvre des Malers.
Place Clichy, 1906/07
Das im Norden von Paris liegende Quartier Les Batignolles ist ein beliebter Schauplatz zahlreicher Frühwerke Pierre Bonnards. Insbesondere die belebte Place Clichy machte er mehrfach zum Thema seiner Bilder. Wie fotografische Schnappschüsse muten die zwei hier ausgestellten Gemälde mit Ansichten des Platzes an. Obwohl im Vordergrund eine weibliche Figur dominiert, gibt das Gemälde von 1906/07 den Blick auf die hohen Häuser und breiten Boulevards frei, welche der Präfekt Baron Georges Eugène Haussmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte anlegen lassen und die seither das Bild der Stadt prägen. In pastellfarbenem Lila gehalten, vermittelt das Werk das leicht neblige Herbstwetter der Grossstadt und erinnert zugleich an die stimmungsvollen Stadtansichten von Malern wie Gustave Caillebotte, Camille Pissarro oder Paul Signac.
Le Café, 1915
Das berühmte Gemälde aus der Tate, London, beeindruckt nicht nur durch seine Farbgebung, sondern vor allem durch den gewählten Bildausschnitt. Das rot-weiss karierte Tischtuch, das die Tafel bedeckt, nimmt zwei Drittel der gesamten Bildfläche ein. Am oberen Rand platziert der Maler zwei Personen, deren Köpfe durch den Bildrand angeschnitten werden. Dadurch erhält der Hund, der neben der in leuchtendes Gelb gekleideten Frau seine Vorderpfoten auf den Tisch stellt, ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. An weiteren Einzelheiten wie dem bläulichen Schatten des Stuhls und der an die äusserste Kante des Tisches gerückten Kaffeekanne wird Bonnards Begeisterung für die unkonventionelle Darstellung von Details des Alltagslebens sichtbar.
Décor à Vernon (La Terrasse à Vernon), um 1920/1939
Die Idee zu diesem Werk skizzierte Bonnard 1920 in Vernonnet, einem kleinen Ort bei Vernon in der Normandie, wo er den in der Nachbargemeinde Giverny lebenden Claude Monet häufig besuchte. Das Gemälde stellte er allerdings erst 1939 fertig, als er im sonnigen Südfrankreich seine letzten Lebensjahre verbrachte. In einer unkonventionellen Farbkombination aus orangefarbenen, blau-roten und lila Farbtönen präsentiert Bonnard in diesem Bild die ganze Pracht seines Gartens in Vernonnet. Besonders auffällig ist der Baumstamm, der das Werk in der linken Hälfte durchzieht. Neben dem charakteristischen Geländer, das auf eine tiefer gelegene Gartenebene führt, finden sich auf der Leinwand überall Menschen: im Gespräch, beim Federballspiel, beim Früchtesammeln oder auch in sich gekehrt wie die Figur in der Mitte.
Le Cabinet de toilette au canapé rose (Nu à contre-jour), 1908
Helles, durch transparente Gardinen scheinendes Sonnenlicht durchflutet den Innenraum, beleuchtet das rosa Sofa im Hintergrund und lässt den Körper der jungen, nackten Frau – Marthe – schimmern. Aber das Licht ist nicht das einzig Bewundernswerte in diesem Bild: Marthe, die sich gerade mit einem Parfümflakon zu besprühen scheint, wird teilweise in einem Spiegel reflektiert, der über dem Waschtisch hängt. So sehen wir als Betrachter sie nicht nur von hinten, sondern auch von vorne, in der Körperhaltung einer antiken Venusstatue. Zudem zeigt der Spiegel einen Stuhl, der sich im Hintergrund des Zimmers befindet. Spiegel sind für Bonnard wichtige Accessoires, um den Raum optisch und symbolisch zu erweitern und Interieurs, Menschen und Gegenstände noch facettenreicher darzustellen.
Grande Salle à manger sur le jardin, 1934/35
In einem Fest der Farben porträtiert Bonnard das Esszimmer in „Le Bosquet“, seinem Haus in Le Cannet. Die scheinbar zufällig angeordneten Elemente auf dem Tisch – Obstschalen, Karaffen, ein Strauss Blumen – wirken, als sei die Zeit stehen geblieben. Nur bei genauerem Hinsehen lassen sich die Konturen des runden Tisches ausmachen, lässt sich der Stuhl vom hölzernen Fensterkreuz unterscheiden. Während das Fenster den Blick auf den Garten und die leuchtende Landschaft mit dem Mittelmeer freigibt, scheint die weibliche Figur am rechten Bildrand ganz im Zwielicht des Raumes aufzugehen.





