Louise Bourgeois The Blind Leading the Blind und Barnett Newman Uriel
Die in der Fondation Beyeler gezeigte Fassung von The Blind Leading the Blind, entstanden 1947-49, besteht aus lebensgrossen, schwarz und rot bemalten Holzkeilen und ist von auffällig regelmäßiger Unregelmäßigkeit: Unregelmäßig, weil es bewusst aus ähnlichen, aber nicht völlig identischen Stücken gemacht worden ist. Regelmäßig, weil es aus der Wiederholung von gleichen Elementen wie z.B. gleichschenkligen Dreiecken besteht. In seiner trigonometrischen Radikalität ist The Blind Leading the Blind mit Barnett Newmans gleichzeitig entstandenen revolutionären Bildfindungen verwandt und wird Uriel von 1955 gegenübergestellt. Newmans Reduzierung der Malerei auf Fläche und Farbe findet ihre Entsprechung in Louise Bourgeois’ Reduzierung der Skulptur auf wenige miteinander kombinierte trigonometrische Grundformen.
Louise Bourgeois Untitled und Paul Cézanne Madame Cézanne
Durch die aufeinander gestapelten Kissen verschiedenster Grösse und Stoffe erinnert Untitled von 2000 an die vertikalen hölzernen Strukturen ihrer Werkreihe der Personages (sic!) aus den 1950er Jahren. Geprägt von der Tapisserie-Galerie ihres Vaters sammelte sie zeit ihres Lebens verschiedenste Gewebe und verarbeite sie in ihren Kunstwerken. Cézanne wiederum schuf seine Gemälde, indem er von ihm erschaute Farbsensationen in Farbflecken, seine berühmten Taches, übersetzte, aus denen er das Bild regelrecht aufschichtete, bzw. aufstapelte. Bei seinem Werk Madame Cézanne, das zusammen mit Untitled gezeigt wird, wird die Frau im Bild durch jene gestapelten Farbflecken zu einem aus Farbe aufgebauten Gegenstand – der Kontrapunkt und die Ergänzung zu Louise Bourgeois‘ belebter Tapisserieskulptur.
Louise Boirgeois À l’infini und Alberto Giacometti L’homme qui marche
Auf 14 grossformatigen Radierungen entfaltete Louise Bourgeois mittels Farbe, Bleistift und Papierzusätzen ihre zeichnerische Fantasie. À l’infini ist, wie fast alle Werke von Louise Bourgeois, eine Art Selbstporträt, das aus Bild gewordenen Emotionen oder formgewordenen Bruchstücken des Unbewussten besteht. Im Thema dieser sehr poetisch wirkenden Reihe, dem Prinzip des menschlichen Lebens, das aus unendlich vielen ähnlichen, aber niemals gleichen Begegnungskonstellationen besteht, ähneln die sich kreuzenden Linien von À l’infini den Skulpturen Giacomettis. Dessen lebenslanges Bemühen, die Komplexität von Bewegung darzustellen, indem er versuchte, sie als Abfolge von Stillständen aufzufassen, ebenso wie seine Versuche, die essenzielle Wirklichkeit eines Menschen durch seine erschöpfend durchgearbeiteten Porträts darzustellen, hat etwas sehr Besitzergreifendes und ist der Auffassung von Louise Bourgeois verwandt.
The Insomnia Drawings, 1994-1995
Die Schlaflosigkeit, die Louise Bourgeois Zeit ihres Lebens verfolgte, wurde mehr und mehr zu einem von ihr akzeptierten Zustand, der für ihren künstlerischen Schaffensprozess grosse Bedeutung bekam. Zwischen November 1994 und Mai 1995 hat sie alle Blätter gesammelt, die sie während der Nachtstunden mit Zeichnungen und Notizen gefüllt hat; sie werden unter dem Titel Insomnia Drawings als 220-teiliges Werk ausgestellt. Die Serie gibt einen Einblick in ihre Gedankenwelt und ihre immer wieder neuen Versuche, ihrem Unbewussten eine Form zu geben. Auffallend ist, dass jede Grenze zwischen Schreiben und Zeichnen, zwischen Notiz und bildlicher Darstellung aufgehoben zu sein scheint.
Passage Dangereux, 1997
Louise Bourgeois’ vielleicht eindrücklichste Darstellungen von Aspekten ihres Selbst sind ihre legendären Cells, von denen die größte, Passage dangereux von 1997, im Souterrain der Fondation Beyeler ausgestellt wird. Im Vordergrund standen für die Künstlerin die Darstellungen von Gefühlen und Emotionen. Die vielen Gegenstände der Passage dangereux sind Sinnbilder für bewusste und unbewusste Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Pubertät – deren Magie und Dramen in einer eigens geschaffenen Architektur ihre bildhafte Inszenierung finden und dadurch überwunden werden.
The Waiting Hours und weitere fabric works
Eine der letzten Werkgruppen, an denen Louise Bourgeois gearbeitet hat, bestand aus Bildern, die sie aus den Stoffen der Kleider nähte, die von ihr im Lauf ihres Lebens getragen worden waren. Durch die gelebte Vergangenheit der Kleidungsstücke werden die Arbeiten zu sehr persönlichen, textilen Tagebüchern. In den letzten Jahren ihres Lebens beschäftigte sich Louise Bourgeois stark mit Zeit. Die Waiting Hours waren für sie vor allem jene Nachtstunden, in denen sie oft wach lag und intensiv über neue Kunstwerke nachdachte.
Die ebenso faszinierende wie bedrohliche monumentale Bronzeplastik einer Spinne mit dem Titel Maman (927,1 x 891,5 x 1023,6 cm) von Louise Bourgeois ist ein Schlüsselwerk zum Verständnis ihrer Kunst: Einerseits ist das Werk eine Hommage an ihre Mutter, die in Paris als Restauratorin von Tapisserien arbeitete, und so, wie die Spinnen, immer wieder Gewebe erneuerte. Andererseits ist die Spinne für Louise Bourgeois ein übergeordnetes Symbol für die unendliche Geschichte des Lebens, dessen Prinzip es ist, sich immer wieder zu erneuern: das ist ebenso tröstlich wie auch bedrohlich, denn es gibt keine Möglichkeit, diesem ewigen Zyklus zu entkommen. Louise Bourgeois‘ Maman ist damit ein grossartiges Denkmal für die Existenz des Wandels.
Nach eindrucksvollen Präsentationen in und vor der Tate Modern, London, (2000/2007) und im «Jardin des Tuileries» in Paris (2007/2008), dem Guggenheim Museum in Bilbao (seit 2001) und dem State Hermitage Museum in St. Petersburg (2001), wird Maman erstmals in der Schweiz zu sehen sein. Bereits der Aufbau der Spinnenskulptur ist eindrücklich, an allen Standorten entwickelte sich die Skulptur jeweils zu einem Publikumsliebling, die viele Menschen anzog.






