Seit seinem frühen Schaffen entstehen Jeff Koons’ Werke innerhalb von geschlossenen Gruppen, die der Künstler jeweils mit einem eigenen Titel versieht. Die erste Werkgruppe, die er von Anfang an als solche plante, trägt den Titel The New. Deren Werke konzipierte Koons zwischen 1980 und 1982, wobei ihre Umsetzung bis 1987 fortgeführt wurde.
New Hoover Convertible, 1980
Dominiert wird die Werkgruppe The New von fabrikneuen Reinigungsgeräten, die, auf Leuchtstoffröhren liegend oder stehend, in kubischen Plexiglasvitrinen inszeniert werden. Je nach Anzahl, Ausführung und Ausrichtung der darin bis zu dreien dargebotenen Staubsauger und/oder Teppichshampoonierer variieren die Masse der Vitrinen, die einzeln oder in Kombination gestapelt aufgestellt werden. In dieser strengen Anordnung, aber auch im Rückgriff auf die Neonröhren verweisen sie nicht zuletzt auf die reduktive Klarheit der Minimal Art. Als Objekte verkörpern die explizit ungebrauchten und daher makellosen Staubsauger bei Koons «das ideale Neue», sie werden also als Zeichen von Ewigkeit, Reinheit und ursprünglicher Unversehrtheit eingesetzt, vergleichbar dem Kinderporträt des Künstlers in The New Jeff Koons.
New Shelton Wet/Drys Tripledecker, 1981
Obwohl die Staubsauger ursprünglich als kommerzielle Funktionsobjekte entstanden sind, inszeniert sie Koons nicht einfach als leblose Ware in sargähnlichen Vitrinen. Vielmehr hebt er die gleichsam biologische und lebendige Qualität der Staubsauger hervor, wenn er sie als «atmende Maschinen» bezeichnet. Ausgehend von den formalen Eigenschaften der Schläuche und Öffnungen, betont Koons aber auch die doppelgeschlechtlichen Merkmale der Reinigungsgeräte, durch die sie wiederum zum Inbegriff ursprünglicher Unversehrtheit werden. So veranschaulichen die Reinigungsgeräte bei Koons auch das Ideal einer Verbindung von Gegensätzen, was bei einigen Staubsaugern durch die auf dem Gehäuse erkennbare und in den Werktitel aufgenommene Modellbezeichnung «Wet/Dry» (nass/trocken) unterstrichen wird.
Im Jahre 1988 realisierte Koons die bahnbrechende Werkgruppe mit dem Titel Banality, die gleichzeitig in Galerien in Köln, New York und Chicago gezeigt wurde. Während Koons in der Serie The New noch mit dem minimalistisch inszenierten Objekt arbeitete, wechselte er in Banality endgültig zur Skulptur, wobei er sich mehr an einer barocken Populärästhetik orientierte. In seiner viel beachteten Banality-Serie stellte Koons nicht nur den Kunstbegriff auf neue Grundlagen, sondern avancierte endgültig zum Star der internationalen Kunstszene. Als Serie besteht Banality aus zwanzig skulpturalen Figuren, die vom Künstler bis ins letzte Detail konzipiert sind. In einer Auflage von drei Stück und einem Belegexemplar für den Künstler liess Koons seine Skulpturen von professionellen Kunsthandwerkern realisieren, die jedes Werk gut sichtbar mit ihrem Namen signierten, während er seine Unterschrift unter der Skulptur anbrachte. Als Gruppe fügen sich die Banality-Figuren zu einem grossen Gesamtbild zusammen, in dem Koons’ Kunstprogramm zum Ausdruck kommt: «Banality sollte den Leuten ein Gefühl der Sicherheit im Hinblick auf ihre eigene Vergangenheit vermitteln, ihnen helfen, ihre Vergangenheit zu akzeptieren. Es war bis dahin mein direktester Versuch zu sagen, dass Kunst nicht diese trennende, diskriminierende Instanz zwischen Menschen sein sollte.»
Ushering in Banality, 1988
Der Leitgedanke der Werkgruppe Banality – die über das vermeintlich Banale vermittelte Selbstakzeptanz des Betrachters – äussert sich in der richtunggebenden polychromen Holzskulptur Ushering in Banality auf besonders deutliche Weise. Wie der Werktitel nahelegt, wird hier ein Schwein von zwei Putten und einem kleinen Jungen in die Banalität «eingeführt», und zugleich wird es selbst zum Sinnbild des «Banalen», in das auch der Betrachter eingeführt wird. Der Begriff der Banalität erfährt bei Koons nicht nur eine positive Wendung, sondern wird sogar zu einem künstlerischen Grundideal erhoben. Nicht von ungefähr hat sich der Künstler selbst mit dem rot gekleideten Knaben hinter dem Schwein identifiziert, der für eine Komplizenschaft zwischen Mensch und Tier steht, die viele Werke der Banality-Serie kennzeichnet. Ähnlich wie in The New Jeff Koons ist es in Ushering in Banality der Künstler als Kind, der den Weg weist.
Michael Jackson and Bubbles, 1988
Als zeitgenössische «Pietà» bezeichnet Jeff Koons seine legendäre Porzellanplastik Michael Jackson and Bubbles, die heute selbst zur postmodernen Ikone geworden ist. Der zum Monument erhobene Superstar posiert darin, umgeben von goldenen Rosen, heldenhaft wie ein moderner Orpheus. Auf seinem Schoss ruht sein Affe Bubbles, dessen künstliche Erscheinung jener seines menschlichen Gegenübers entspricht. In seiner ambivalenten Gestalt steht gerade Michael Jackson für die Aufhebung geschlechtlicher, ethnischer, artenspezifischer, ästhetischer und sozialer Unterschiede in einer Person und vertritt somit auch Koons’ Ideal einer alle Gegensätze vereinenden, «antidiskriminierenden» Kunst, mit der er das grösstmögliche Publikum zu erreichen sucht.
Pink Panther, 1988
Neben der im vorhergehenden Raum gezeigten Woman in Tub gehört die an ein Pin-up-Girl erinnernde Porzellanfigur Pink Panther zu jenen Werken, denen Koons, wie er selbst erklärt, das Motiv der «Masturbation als Metapher für kulturelle Schuld und Scham» zugrunde gelegt hat. Gerade von solchen Schuld- und Schamgefühlen versucht der Künstler den Betrachter zu befreien, indem er ihn auffordert, zu seinen unterdrückten ästhetischen Präferenzen zu stehen. So thematisiert Pink Panther auch jene Verbindung von Reinheit und Sexualität, die in Koons’ Werken wiederholt aufgegriffen wird. In Pink Panther drückt sich aber auch das rein formale und kompositorische Interesse von Koons’ skulpturalem Denken besonders anschaulich aus. So besticht Pink Panther im erotisch-spannungsvollen Verhältnis zwischen Frau und Tier nicht zuletzt durch seine skulpturale Mehransichtigkeit, die sich auf die manieristische Tradition der figura serpentinata, der dynamisch gewundenen Figur, zurückführen lässt.
Anfänglich nur als kleines Projekt für einen Kalender gedacht, stellt die Werkgruppe Celebration bis heute Koons’ wohl aufwendigste Serie dar. 1994 beginnend, war der Künstler viele Jahre mit diesem gewaltigen Projekt beschäftigt, das sich aus monumentalen Plastiken aus Polyäthylen oder hochlegiertem rostfreiem Chromstahl sowie grossformatigen Ölgemälden zusammensetzt. Die Entstehungsgeschichte von Celebration ist von Koons’ familiären Verwicklungen geprägt, die mit der Geburt seines Sohnes Ludwig Maximilian im Jahre 1992 zusammenhängen. Gerade in ihrem Charakter als «Fest des Kindlichen» lässt sich die Celebration-Serie auch als ein Liebesbeweis des Vaters an den ihm entzogenen Sohn verstehen.
Balloon Dog (Red), 1994–2000
Luftgefüllte Objekte interessieren Koons seit seinen künstlerischen Anfängen. Dies wird schon in der Verwendung von Staubsaugern in den frühen Arbeiten deutlich. Auch in der Serie Celebration gehen zahlreiche Werke auf Ballonfiguren zurück, wie man sie von Strassenclowns her kennt. So lässt der Künstler etwa in Balloon Dog (Red) aus einem hauchzarten, vergänglichen Ballonhündchen einen Dauer verheissenden, urbildartigen Riesenhund aus Chromstahl entstehen, den Koons selbst zum «Trojanischen Pferd» erklärt. In der perfekten Umsetzung besticht Balloon Dog (Red) auch durch den einzigartigen materiellen Illusionismus – zwar wirkt die Plastik weich und schwerelos, doch ist sie in Wirklichkeit hart und tonnenschwer.
Hanging Heart (Gold/Magenta), 1994–2006
In den Werken aus der Celebration-Serie liegt der Akzent auf vertrauten
dekorativen Dingen, die durch materielle und massstäbliche Verwandlungen
des vorgefundenen Objekts zu monumentalen Plastiken aus hochlegiertem
rostfreiem Chromstahl erhoben werden. Unter diesen Dingen finden sich
Geschenkartikel für Weihnachten oder den Valentinstag, wie sie auch als
Ausgangspunkt für das symbolträchtige Hanging Heart dienten. In ihrer
Symbolik evozieren diese Motive nicht selten zeitlose Themen wie Liebe,
Leben und Vergänglichkeit.
Play-Doh, 1995–2007
In Celebration vollzieht Koons den eigentlichen Schritt zur Malerei, die erstmals in seinem Werk ebenbürtig neben die Bildhauerei tritt. Die Mehrzahl der grossformatigen Celebration-Gemälde, darunter das meisterhafte Play-Doh, beruht auf demselben kompositorischen Grundprinzip: Das zentrale Bildsujet wird vor einer drapierten Glanzfolie inszeniert, in der sich einzelne Partien des Objekts, meist verzerrt, unzählige Male verführerisch spiegeln. Ausgangspunkt für die Celebration-Gemälde sind vom Künstler selbst zusammengestellte reale Objektarrangements. Diese Motive werden anschliessend abfotografiert und überarbeitet, und, um ein Vielfaches vergrössert, sorgfältig auf die Leinwand übertragen. Ästhetisch bestechen die Gemälde durch eine «objektive», geradezu hyperrealistische Wirkung, obgleich die Bildfläche, dem Prinzip eines «Malens nach Zahlen» folgend, in streng voneinander abgetrennte Farbfelder unterteilt ist. In Play-Doh steigert Koons ein kindliches Motiv zu einem kraftvollen und sinnlichen Spektakel, bei dem sich die vielfach gespiegelte Figur in einer beinahe abstrakten Farbkomposition aufzulösen scheint.
Balloon Flower (Blue), 1995–2000
Ein Leitmotiv im Schaffen von Koons ist die Blume – traditionelles Sinnbild für Schönheit, Leben und Vergänglichkeit. Diesem verleiht der Künstler eine für ihn typische erotische Dimension.
So sind in den einfachen und doch ambivalenten Blumenformen sowohl männliche als auch weibliche Körpermerkmale zu beobachten. Darin wird erneut ein Ideal greifbar, das schon die Staubsauger aus The New und einige Banality-Figuren thematisierten. In den makellosen, verführerisch glänzenden Oberflächen von Balloon Flower (Blue) spiegeln sich Raum und Betrachter wider und treten dabei in unmittelbare Beziehung zu dem Kunstwerk. Balloon Flower (Blue) scheint gleichsam auf der Wasseroberfläche zu schwimmen und vermag gerade in diesem Umfeld eine wundersam-schwerelose Wirkung zu entfalten.








