Interview

Installationsansicht der GERHARD RICHTER Ausstellung
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Interview mit Gerhard Richter

Ausschnitt aus dem Interview mit Gerhard Richter, geführt von Hans Ulrich Obrist (Gast-Kurator, Co-Kurator der Serpentine Gallery, London)

HUO: Das ist bei den fünf Gemälden zur Verkündigung nach Tizian nicht so, da ist eine Handlung ablesbar.

GR: Wahrscheinlich habe ich das Bild deshalb kopieren wollen. Ich sah das Tizian-Gemälde in der Scuola Grande di San Rocco in Venedig und wollte es einfach haben, wenigstens als Kopie. Die ist mir nicht gelungen, sie konnte gar nicht gelingen, denn diese ganze wundervolle Kultur ist verloren. Uns bleibt nur mit dem Verlust klarzukommen und trotzdem etwas daraus zu machen.

HUO: Du sagtest einmal, dass es ein ganz wichtiger Auslöser für Malerei sei, eine Botschaft zu senden.

GR: Der Maria wird verkündet, dass sie ein Kind bekommt.

HUO: Das ist der Inhalt des Bildes, die Botschaft?

GR: Ja. Wir wollen immer etwas mitteilen – und wenn es unsere Zweifel sind oder unser Elend. Es muss alles raus.

HUO: Die Idee mit der Botschaft ist auch deshalb interessant, weil oft über das Ende der Malerei gesprochen wird. Du hast dem aber stets widersprochen. Denn selbst ein Raum mit grauen
Bildern, wie der für das Museum in Mönchengladbach, hat eine  Botschaft. Wie hat es denn mit der Serie grauer Bilder überhaupt begonnen?

GR: Sie fing mit abstrakten Bildern an, die einfach immer grauer wurden, oder auch mit Fotobildern, die ich so lange verwischte, bis nichts mehr zu sehen war ausser Grau. Dann habe ich aber die Feststellung gemacht, dass sie qualitative Unterschiede aufwiesen, und damit wurde es spannend für mich. Wieso ist ein graues Bild gut und ein anderes weniger gut oder weniger schlecht und so weiter?

HUO: Also konnte man wieder urteilen, gut und schlecht unterscheiden.

GR: Ja, und das Wichtigste war damals für mich, dass ich sah, dass die Ursache für ein Bild zwar sehr negativ, destruktiv sein kann, dass aber das Resultat trotzdem konstruktiv ist, in Gestalt eines Bildes, das sehr schön, ernst, tröstlich, also wohltuend wirkt.

HUO: Und dann hast du 1975 auch den Zyklus mit acht grossen grauen Bildern gemalt?

GR: Ja. Das Grau in mehreren Schichten, ein Bild nach dem anderen, jedes sollte so aussehen wie das vorhergehende, nur besser – was natürlich nicht geht.

HUO: Du hast mir erzählt, wie gerührt du damals warst, als in Mönchengladbach mit den acht grauen Bildern zum ersten Mal ein Raum von dir in der ständigen Sammlung eines Museums installiert wurde.

GR: Das war für mich ein grosses Ereignis. Johannes Cladders kam zu mir ins Atelier, sah die acht grauen Leinwände und sagte: »Die Flöte kaufe ich, die will ich haben«. Mit der »Flöte« meinte er diese acht grauen Bilder. Schliesslich bekamen sie einen eigenen Raum im neu bezogenen Museumsbau auf dem Abteiberg, den sie noch immer haben.

HUO: Das führt uns auch zum Zyklus 18. Oktober 1977. Ich erinnere mich, wie ich damals in den späteren Achtzigerjahren in deinem Atelier gewesen bin. Du hattest zu Stammheim und zur Roten Armee Fraktion sehr viele Fotos gesammelt. Lange hast du das Thema mit dir herumgetragen und dann nahm es immer mehr Form an. Es gab wohl keinen konkreten Auslöser für den Oktober-Zyklus.

GR: Aber es gab eine Entwicklung dahin. Es begann schon damit, dass man, wenn man aus dem Osten kommt, zunächst glücklich ist hier im Westen zu sein. Man staunt, wie frei es
hier zugeht. Und dann kamen die sogenannten 68er und sagten, hier sei alles unfrei und alle seien Faschisten. Ich kam ja aus einem quasi faschistischen Staat, also fand ich es erschreckend zu sehen, wie viel Anklang die bekamen, die so redeten, wie machtvoll Glaube sein kann, Überzeugung – ein interessantes Wort übrigens: Über-Zeugung.

HUO: Bei all diesen Serien oder Zyklen fällt auf, wie unterschiedlich sich zum Teil das Verhältnis von Einzelwerk und Werkgruppe definiert. Es gibt Gruppen, die immer zusammenbleiben. Der Zyklus 18. Oktober 1977 ist untrennbar. Auch die Cage-Bilder formen ein eigenes Ensemble, das nicht aufzulösen ist. Dagegen befinden sich etwa bei der Verkündigung nach Tizian die einzelnen Gemälde inzwischen in verschiedenen Sammlungen. Oft werden sie auch bei Ausstellungen vereinzelt gezeigt. Die Bilder funktionieren auch für sich, gewinnen aber dennoch eine besondere Bedeutung, wenn sie als Gruppe gemeinsam zu sehen sind. Warum sind die Tizian-Bilder nicht zusammengeblieben?

GR: Da ist natürlich auch Bequemlichkeit und Nachgiebigkeit im Spiel. Aber abgesehen davon finde ich es immer unangenehm, wenn Künstler Vorschriften machen. Und wirklich schlimm ist es ja nicht, wenn Bilder verstreut werden, in den Ausstellungen kommen sie oft wieder zusammen und im Katalog sowieso. Natürlich gibt es Serien und Zyklen, die zusammenbleiben sollten, eben Cage oder die Oktober-Bilder, auch Wald gehört beispielsweise dazu.

HUO: Bilder haben ihr eigenes Leben. Das ist wie bei erwachsenen Kindern, wenn sie einmal aus dem Haus sind.

Das vollständige Interview ist im Katalog zur Ausstellung nachzulesen.

BLOG

Impressionen, Informationen über einzelne Werke, Statements von Experten und Persönlichkeiten, Blick hinter die Kulissen, Events etc.

Vox Clamantis
Hommage an Arvo Pärt

Das Ensemble Vox Clamantis wird Kompositionen von Arvo Pärt vortragen, der von Gerhard Richter besonders geschätzt wird. Der Komponist wird anlässlich dieses Konzerts anwesend sein.

AUSVERKAUFT

Mittwoch, 27. August 2014, 18:30 Uhr

Vortrag Benjamin H. D. Buchloh

Der deutsche Kunsthistoriker, Publizist und Ausstellungskurator, Benjamin H. D. Buchloh ist ein profunder Kenner von Gerhard Richters Schaffen und ein langjähriger Freund des Künstlers. 

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